Guido Westerwelle und Philipp Rösler sind erst gar nicht gekommen – und werden auch sonst ignoriert.

dreikönigstreffen
Christian Linder gibt der FDP die Richtung vor.

Christian Linder gibt der FDP die Richtung vor.

dpa

Christian Linder gibt der FDP die Richtung vor.

Stuttgart. Bevor es losgeht, sehen die mehr als 1000 Teilnehmer der traditionellen Dreikönigs-Kundgebung der FDP einen Film. Die große Geschichte der Liberalen seit 1864. Wer hier im Stuttgarter Opernhaus bei gleicher Gelegenheit nicht alles schon geredet hat, sagt die Stimme. Ralf Dahrendorf, Walter Scheel, Otto Graf Lambsdorff, Hans Dietrich Genscher. „Und viele mehr“.

Dabei wird Klaus Kinkel eingeblendet und Ex-Wirtschaftsminister Helmut Haussmann. Nicht aber Guido Westerwelle, der zehn Jahre lang die Ansprachen hielt. Erst recht nicht Philipp Rösler, der letzte Redner. Dafür wird bei den Worten „Das Deutschland von Morgen schaffen“ das Gesicht von Christian Lindner eingeblendet, dem neuen großen Vorsitzenden.

Es wirkt alles ein wenig nordkoreanisch bei dieser Dreikönigskundgebung. Praktisch keiner aus der Führung des letzten Jahres sitzt noch da oben auf dem Podest in blau-gelbem Bühnendesign. Die Partei ist aus dem Bundestag geflogen, kein Stein auf dem anderen geblieben. Aber hier wird geklatscht, als sei nichts geschehen. Westerwelle und Rösler sind nicht nur aus dem Film verbannt, sie sind auch gar nicht erst angereist.

Der neue Vorsitzende will weg vom neoliberalen Image der Partei

Lindner muss die FDP aus ihrem Jammertal führen und dazu als erstes bei der Europawahl im Mai einen Erfolg einfahren. Der Mann, der heute seinen 35. Geburtstag feiert, leidet nicht unter mangelndem Selbstbewusstsein. Aus dem Stegreif hält er einen fast einstündigen Vortrag, den der „Verband der Redenschreiber deutscher Sprache“ hinterher sehr positiv bewertet. Der neue Vorsitzende sucht erkennbar einen Mittelweg zwischen Gefühl und Härte, er will weg vom Image der alten neoliberalen Westerwelle-FDP.

Zum Beispiel in der Europapolitik, wo mit der „Alternative für Deutschland“ die Konkurrenz am härtesten ist und auch innerparteilich viele mit einem populistischen Anti-Europakurs liebäugeln. Lindner sagt Nein dazu: „Wir verbinden unser klares Bekenntnis zu Europa mit dem Mut, die Probleme anzugehen“. Eindeutig distanziert er sich von der CSU-Kampagne gegen Armutszuwanderer, fordert aber auch, den Missbrauch, wo es ihn gebe, nicht zu beschönigen. „Ich halte nichts von falscher politischer Korrektheit, in der Probleme verschwiegen werden“. Neu ist auch seine Tonlage in sozialen Fragen. Die FDP, so der Vorsitzende, habe „Achtung, vor denen, die es schon zu etwas gebracht haben, aber unser Herz gehört denen, die sich noch etwas aufbauen wollen“. Dass die große Koalition die Kalte Progression im Steuerrecht nicht beseitige, sei deshalb eine „Steuererhöhung der CDU durch Unterlassung, und zwar nicht für Millionäre, sondern für Millionen von Menschen“.

Hans-Dietrich Genscher eilt hinterher als erster zu Lindner, um ihm zu gratulieren. Vor einem Jahr noch hat der Ehrenvorsitzende an gleicher Stelle den Kontakt mit Philipp Rösler peinlichst gemieden. Das hier, sagt nun Genschers Geste, ist sein Mann. Diese höheren Weihen braucht Lindner zum Start.

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