Welcher der 64 Bundestagswahlkreise in NRW kommt dem Bundesergebnis am nächsten? Eine Spurensuche – und eine Heimkehr.

Welcher der 64 Bundestagswahlkreisein NRW kommt dem Bundesergebnis am nächsten? Eine Spurensuche – und eine Heimkehr.
Rheinkniebrücke sowie Harold- und Graf-Adolf-Straße (Mitte) markieren die Grenze zwischen den Wahlkreisen Düsseldorf-Nord (l.) und -Süd (r.).

Rheinkniebrücke sowie Harold- und Graf-Adolf-Straße (Mitte) markieren die Grenze zwischen den Wahlkreisen Düsseldorf-Nord (l.) und -Süd (r.).

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Rheinkniebrücke sowie Harold- und Graf-Adolf-Straße (Mitte) markieren die Grenze zwischen den Wahlkreisen Düsseldorf-Nord (l.) und -Süd (r.).

Düsseldorf. In dem wunderbaren Kinderbuch „Oh, wie schön ist Panama“ machen sich der kleine Tiger und der kleine Bär von ihrem Zuhause auf in ein Land, wo alles besser ist – und landen am Ende wieder vor der eigenen Haustür. So ähnlich verhält es sich, wenn man von der Landeshauptstadt aus erkunden will, welcher Bundestagswahlkreis in Nordrhein-Westfalen das bundesweite Ergebnis wohl am besten trifft. Die Spur führt am Ende – zurück nach Düsseldorf.

Das amtliche Endergebnis der Bundestagswahl am 24. September setzt sich aus den Ergebnissen der 299 Wahlkreise zusammen. Allein 64 davon liegen in NRW – von der laufenden Nummer 87 (Aachen I) bis zur Nummer 150 (Märkischer Kreis II). Vergleicht man ihre Ergebnisse der vergangenen Bundestagswahl 2013, dann haben die CDU-Wähler in den NRW-Wahlkreisen Siegen-Wittgenstein und Märkischer Kreis II das bundesweite Zweitstimmen-Ergebnis der Union auf den Kopf getroffen: 41,5 Prozent.

Sozialdemokraten mit Affinität zum Deutschlandtrend finden ihre Wählerklientel dagegen eher im Wahlkreis Coesfeld-Steinfurt I, der 2013 mit 25,6 Prozent das SPD-Gesamtergebnis (25,7) nur um 0,1 Punkte verpasste. Grüne blicken nach Dortmund II (8,3 statt 8,4 Prozent), die Linke ist in Wuppertal I richtig (8,7 statt 8,6 Prozent). Die FDP lag wiederum im Wahlkreis 136 (Höxter-Lippe II) genau auf Linie (4,8 Prozent). Die AfD schließlich konnte die bundesweiten 4,7 Prozent gleich in drei NRW-Wahlkreisen kopieren: im Rheinisch-Bergischen Kreis, in Mettmann II und in Gelsenkirchen.

Ein munterer Ritt quer durch die Vielfalt der nordrhein-westfälischen Regionen. Aber die weite Verteilung verweist auch auf die bekannte Widerborstigkeit des Durchschnitts: Er lässt sich in der Wirklichkeit nur selten finden – und schon gar nicht, wenn mehrere Werte deckungsgleich sein müssen. Doch im Vergleich der Wahlkreise fällt einer auf, der deutlicher als alle anderen im Nahbereich des Gesamtergebnisses liegt, und das nicht erst bei der jüngsten Bundestagswahl: der Düsseldorfer Norden.

Weitgehende Parallelität der beiden großen Parteien

Der Bundestagswahlkreis 106 (Düsseldorf I) umfasst 28 Stadtteile – von der berühmten Altstadt bis in den Norden nach Angermund, von Heerdt im Westen bis Gerresheim im Osten. 220 000 Wahlberechtigte leben hier. Und ein Blick auf die Wahlergebnisse der vergangenen fünf Bundestagswahlen zeigt vor allem bei den beiden großen Parteien eine weitgehende Parallelität zum Bundesergebnis (siehe Kasten). Die FDP ist im Wahlkreis deutlich stärker als auf Bundesebene; mit geringeren Differenzen gilt das auch für die Grünen. Aber im Gesamtvergleich gibt es keinen Wahlkreis in NRW, der das Abstimmungsverhalten der Deutschen in stärkerem Maße widerspiegelt als Düsseldorf I.

Zweitstimmen CDU: 40,3 Prozent (Bund: 41,5); SPD: 26,4 (25,7); FDP 9,2 (4,8); Grüne 9,4 (8,4); Linke: 6,4 (8,6); AfD: 4,2 (4,7).

CDU: 33,3 (33,8); SPD: 22,5 (23,0); FDP: 20,0 (14,6); Grüne: 12,6 (10,7); Linke: 7,6 (11,9).

CDU: 35,4 (35,2); SPD: 33,6 (34,2); FDP: 14,2 (9,8); Grüne: 9,6 (8,1); Linke: 4,9 (8,7).

CDU: 35,6 (38,5); SPD: 36,7 (38,5); FDP: 11,8 (7,4); Grüne: 12,3 (8,6); PDS: 1,5 (4,0).

CDU: 34,5 (35,1); SPD: 40,6 (40,9); FDP: 10,8 (6,2); Grüne: 8,7 (6,7); PDS: 1,6 (5,1).

Thomas Jarzombek ist nicht nur Düsseldorfer CDU-Vorsitzender, sondern seit 2009 direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises. Dem 44-Jährigen ist das Phänomen natürlich vertraut: „Der Abstand zwischen CDU und SPD entspricht meist ungefähr der gesamtdeutschen Spannweite. Wenn wir hier auf die bundesweiten Umfragen gucken, müssen wir nicht mehr rechnen.“ Die alte Düsseldorfer Faustregel „Der Norden ist schwarz, der Süden rot“ sieht er dabei kritisch. „Viele glauben, unser Wahlkreis sei eine totale CDU-Hochburg. Aber es gibt hier sehr unterschiedliche Stadtteile.“

Während Jarzombek die Ähnlichkeiten mit den Bundeswerten aber eher als Zufallsergebnis der Vielfalt versteht, findet sein SPD-Kontrahent Phillip Tacer (34) beim gedanklichen Streifzug durch die Viertel schon eine Reihe Indizien für die Abbildung der Bundesrepublik im Kleinen. Der Vorsitzende des Düsseldorfer Umweltausschusses arbeitet als Referent für den SPD-Bundestagsabgeordneten im Süden Düsseldorfs, kandidiert selbst aber im Norden.

„In Angermund und Kaiserswerth findet man das traditionelle Bürgertum, aber es gibt auch ganz klassische Arbeitermilieu-Stadtteile wie Rath oder auch Gerresheim“, sagt er. In Letzterem wirke die 2005 geschlossene Glashütte noch bis heute nach. Wegen der Hochschule in Derendorf tummelt sich auch studentisches Publikum im Wahlkreis, in der Kunst- und Galeristenszene von Flingern-Nord trifft man auf Großstadt-Hipster, in Oberkassel wiederum auf ein modernes, urbanes Bürgertum. Und dann ist da noch die Ausstrahlung der längsten Theke der Welt mit ihrem Spaßfaktor.

Wahlkreis mit guten wirtschaftlichen Perspektiven

Wenn CDU-Mann Jarzombek seinen Wahlkreis beschreiben soll, fällt ihm zunächst die Lage im „liberalen Rheinland“ ein, inmitten einer „boomenden Stadt“: „Es gibt gute wirtschaftliche Perspektiven und einen hohen Bildungsstand.“ Tacer spricht von einer „Metropole, die überschaubar ist und kurze Wege hat“.

Und die Prognosen der beiden Wahlkreiskandidaten für die Wahl am 24. September? „Wir kennen die Umfrageergebnisse. Wir werden weiter fleißig und diszipliniert arbeiten, aber wir sind sehr optimistisch dabei“, sagt CDU-Chef Jarzombek. „Ich freue mich darauf, mit meiner Stimme Martin Schulz zum Bundeskanzler wählen zu können, der dabei auf gute Koalitionspartner bauen kann“, kontert sein SPD-Herausforderer Tacer. Auch damit liegen die beiden im Bundestrend – der offiziellen Argumentationsstrategie ihrer Parteien.

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