Sozialverband: Die Zahl der Abgehängten in Deutschland erreicht einen neuen Höchststand.

Zelte von Obdachlosen in Berlin. Foto: Paul Zinken
Zelte von Obdachlosen in Berlin. Foto: Paul Zinken

Zelte von Obdachlosen in Berlin. Foto: Paul Zinken

dpa

Zelte von Obdachlosen in Berlin. Foto: Paul Zinken

Berlin. Etwa jeder sechste Bürger in Deutschland gilt als einkommensarm. Wie aus dem am Donnerstag vorgestellten Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbandes hervorgeht, ist der Anteil der Armen an der Bevölkerung nach einem leichten Rückgang auf einen neuen Rekordstand gestiegen. Allerdings ist die Berechnungsmethode umstritten.

Wer gilt in Deutschland als arm?

Arm ist, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. Das schließt auch alle staatlichen Transfers wie etwa Kindergeld oder Wohngeld ein. Nach dieser gängigen EU-Definition lag die Armutsgefährdungsschwelle im Jahr 2015 für einen Single-Haushalt in Deutschland bei 942 Euro im Monat. Bei einer Alleinerziehenden mit einem Kind lag die Schwelle bei 1.225 Euro, für eine Familie mit zwei minderjährigen Kindern bei 1.978 Euro.

Wie hat sich die Armut entwickelt?

Der Untersuchung zufolge galten 2015 rund 12,9 Millionen Menschen in Deutschland als arm. Das waren etwa 400.000 mehr als im Jahr zuvor. Die aktuelle Armutsquote erhöhte sich damit um 0,3 Prozentpunkte auf 15,7 Prozent. Im Zehn-Jahresvergleich bedeutet das einen neuen Höchstwert. Zuletzt war die Quote im Jahr 2014 mit 15,4 Prozent leicht um 0,1 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Eine vergleichbare Entwicklung gab es auch schon zwischen 2009 und 2010. Damals war die Quote von 14,6 auf 14,5 Prozent gesunken.

Gibt es regionale Unterschiede?

Ja. Vier der 16 Bundesländer, nämlich Sachsen-Anhalt (20,1 Prozent), Brandenburg (16,8), das Saarland (17,2) und Rheinland-Pfalz (15,2), konnten ihre Armutsquoten leicht reduzieren. In Nordrhein-Westfalen blieb sie mit 17,5 Prozent unverändert. Die übrigen Bundesländer verzeichneten dagegen einen mehr oder minder ausgeprägten Anstieg der Armut. Am stärksten traf es Berlin mit einem Zuwachs um 2,4 auf 22,4 Prozent. Trauriger Spitzenreiter bleibt Bremen mit 24,8 Prozent. Das heißt, jeder vierte Einwohner des Stadtstaates gilt als einkommensarm. In Bremerhaven ist es sogar jeder Dritte. Deutlich unterdurchschnittlich sind die Quoten dagegen nach wie vor in Bayern (11,6 Prozent), Baden-Württemberg (11,8) und in Hessen (14,4). Niedersachsen liegt mit 16,5 Prozent im Mittelfeld.

Wer sind die größten Risikogruppen?

Laut Untersuchung haben Erwerbslose das größte Armutsrisiko. 59 Prozent sind davon betroffen. Es folgen die Alleinerziehenden (43,8 Prozent), Ausländer (33,7) sowie Menschen mit geringem Qualifikationsniveau (31,5 Prozent). Verglichen damit ist das Armutsrisiko der Rentner eher gering. Mit 15,9 Prozent lag die Quote aber zum zweiten Mal in Folge über dem Gesamtdurchschnitt der Bevölkerung.

Was sagt der Sozialverband zu den Daten?

Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes, Ulrich Scheider, nannte es „politisch skandalös“, dass die Armut bei allen bekannten Risikogruppen noch einmal zugenommen habe. Zugleich stellte er klar: „Armut beginnt nicht erst dann, wenn Menschen verelenden“. Es gehe um Menschen, die wegen ihres geringen Einkommens nicht mehr teilhaben könnten an der Gesellschaft und sich zurückzögen oder abgedrängt würden.

Wie aussagekräftig ist die Untersuchung?

Das ist umstritten. Während Schneider bei der EU-basierten Berechnung sogar noch von einer „Unterschätzung“ der tatsächlichen Dimension von Armut ausgeht, kritisierte zum Beispiel der Städte- und Gemeindebund die 60-Prozent-Schwelle als „zu pauschal“, um Armut zu messen. Tatsächlich bleiben zum Beispiel regionale Einkommensunterschiede unberücksichtigt. Würde man etwa nur die Berliner Einkommen nehmen, dann ergäbe sich für die Hauptstadt eine Armutsquote von nur 15,3 statt 22,4 Prozent. Dies käme aber „einem Schönrechnen“ gleich, heißt es in dem Bericht. Auch die regional unterschiedlichen Lebenshaltungskosten werden ausgeblendet. Gegenteilige Erhebungen, die etwa vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) gemacht wurden, seien jedoch „sehr gewagte Hochrechnungen“, meinte Schneider.

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