Obwohl mehr Geld fließt, klagen Mediziner über drastische Einbußen. Wie ist das zu erklären?

Bundesweit gehen insbesondere Fachärzte auf die Barrikaden, weil sie Einkommenseinbußen verzeichnen.
Bundesweit gehen insbesondere Fachärzte auf die Barrikaden, weil sie Einkommenseinbußen verzeichnen.

Bundesweit gehen insbesondere Fachärzte auf die Barrikaden, weil sie Einkommenseinbußen verzeichnen.

dpa

Bundesweit gehen insbesondere Fachärzte auf die Barrikaden, weil sie Einkommenseinbußen verzeichnen.

Düsseldorf. Sie schließen ihre Praxen, um zu demonstrieren, verlängern ihren Urlaub und verschieben Termine ihrer Patienten. In einer großen Boulevardzeitung bekannte jetzt sogar ein Internist, dass er von seinen Patienten mittlerweile Vorkasse verlange.

Bundesweit gehen niedergelassene Ärzte auf die Barrikaden. Grund ist die Honorarreform, die Anfang des Jahres in Kraft getreten war. Seitdem klagen insbesondere Fachärzte über drastische Einkommenseinbußen. Und das, obwohl der Honorartopf für dieses Jahr um rund drei auf 30 Milliarden Euro aufgefüllt wurde.

Ärzte beklagen, dass eine Milliarde Euro zu wenig fließt

Für die Patienten, die die drei Milliarden Euro an zusätzlichen Mitteln mit einer Erhöhung des gesetzlichen Kassenbeitrages bezahlen, ein offensichtlicher Widerspruch - der auch politisch für neuen Zündstoff zwischen Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und gesetzlichen Kassen sorgt.

Dabei geht es um drei verschiedene Sachverhalte. Zum einen beklagt die KBV, dass eine Milliarde Euro zu wenig bei den Ärzten ankomme, weil die Steigerung nicht auf das Vergleichsjahr 2008, sondern auf 2007 berechnet worden sei.

Die Kassen dagegen lehnen die Forderung der Ärzte ab, den Topf um diese eine Milliarde zu erhöhen, und verweisen darauf, dass die Ärzte der Berechnungsgrundlage zugestimmt hätten.

Hinzu kommt, dass von der Steigerung insbesondere die Ärzte im Osten profitieren - was politisch gewollt war, weil ihre Honorare bislang deutlich unter dem Niveau der westlichen lagen (siehe Grafik).

Am problematischsten ist allerdings der dritte Streitpunkt: die Verteilung des Geldes zwischen den Ärzten, die sehr unterschiedlich ausfällt. Vor allem die Fachärzte klagen über drastische Einbußen.

Wolfgang Mertens, Orthopäde in Mönchengladbach und Aufsichtsratsmitglied im Orthopäden-Zusammenschluss orthonet-NRW, sagt: "Wir sind nicht nur sauer wegen der finanziellen Entwicklung.

Wir machen uns Sorgen um unsere Patienten, wenn wir sie nicht mehr sachgerecht versorgen können." Mertens rechnet vor, dass er pro Patient und Quartal einen pauschalen Betrag von rund 30 Euro erhalte, also zehn Euro pro Monat.

Die Pauschale löst das bisherige Abrechnungssystem nach Punkten ab. Mertens: "Von den Einnahmen einer Kassenpraxis kann ein Arzt heute nicht mehr existieren und seine Patienten sachgerecht behandeln."

Nach Angaben von Mertens haben seit der Reform 90 Prozent der Orthopäden und insgesamt zwei Drittel aller Fachärzte "existenzbedrohende" Einbußen. Auch in Mönchengladbach wollen die Mediziner daher Protestaktionen starten.

Die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein bestätigt, dass insbesondere Fachärzte die Verlierer der Umstellung seien. Sie erklärt, dass sie kaum zusätzliche Leistungen, beispielsweise für Schutzimpfungen oder Präventionsmaßnahmen, abrechnen könnten.

Zudem gelte die Pauschale für jeden Patienten, egal ob dieser in einer großen oder einer kleinen Praxis behandelt werde, in einer Großstadt mit mehr Privatpatienten oder auf dem Land. Die gesetzlichen Kassen sehen die Verantwortung allerdings bei den Kassenärztliche Vereinigungen. Diese müssten das Geld angemessen verteilen, sagt ein Sprecher.

Bayern will die Honorarreform über den Bundesrat stoppen

Der Streit um die Ärztehonorare spitzt sich derweil zu. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) warnte die Ärzte unlängst vor "rechtswidrigem Verhalten", indem sie etwa Vorkasse von ihren Patienten verlangten.

Die CSU in Bayern forciert den Stopp der Honorarreform über eine Bundesratsentscheidung. Das NRW-Gesundheitsministerium wiederum teilt die Kritik der Bayern, sagt aber, dass es ein Zurück zum alten System nicht geben könne, und fordert Nachbesserungen.

Und nach Medieninformationen will die KBV das Wahljahr 2009 nutzen, um die Proteste noch zu verstärken. Die Verlierer könnten am Ende die Patienten sein.

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