Der Verlust der Biodiversität hat dramatische Folgen. Seit erste Daten vorliegen, wächst die Zahl der Menschen, die das Thema Insektensterben ernst nehmen.

Hummel auf Nahrungssuche
Immer weniger Hummeln, Käfer und Schmetterlinge: In manchen Regionen gibt es heute 76 Prozent weniger Insekten als noch vor 30 Jahren.

Immer weniger Hummeln, Käfer und Schmetterlinge: In manchen Regionen gibt es heute 76 Prozent weniger Insekten als noch vor 30 Jahren.

dpa

Immer weniger Hummeln, Käfer und Schmetterlinge: In manchen Regionen gibt es heute 76 Prozent weniger Insekten als noch vor 30 Jahren.

Bielefeld. Zwischen Krefeld und Bielefeld liegen knapp 200 Kilometer. Die allermeisten Krefelder Insekten werden diese Strecke nie überwinden. Aber dass statt ihrer an diesem Tag auf Einladung der Bertelsmann-Stiftung 120 Wissenschaftler, Umweltschützer und Unternehmensvertreter zu einer Konferenz vis-à-vis des Bielefelder Hauptbahnhofs zusammenkommen, um sich Gedanken über den Wert von Insekten zu machen, hat viel mit Krefelder Fliegen, Käfern und Mücken zu tun.

Josef Tumbrinck, NRW-Vorsitzender des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), spricht inzwischen von einer „globalen Welle“, die vom Entomologischen Verein Krefeld ausgelöst wurde. Selbst die „New York Times“ interessiert sich für Insekten vom Niederrhein. Oder besser: für ihr Verschwinden. Denn seit die Erkenntnisse der ehrenamtlichen Krefelder Insektenexperten mit Unterstützung britischer und niederländischer Wissenschaftler im Oktober in der Online-Fachzeitschrift „Plos One“ veröffentlicht wurden, ist diese Zahl in aller Munde: Zwischen 1989 und 2016 ist an den vom Verein überwiegend im Rheinland betriebenen Messfallen das Insektenaufkommen um 76 Prozent zurückgegangen.

Kaum noch Insekten auf der Windschutzscheibe

Damit gibt es jetzt Datenmaterial, wo bisher nur ein Gefühl war: „Die Autoscheibennummer kennen alle“, sagt Tumbrinck. Während man früher nach einer Autobahnfahrt mühsam die Insekten von der Windschutzscheibe kratzen musste, klebt da heute kaum noch etwas. Im Mai 2015 griff der Nabu erstmals die Krefelder Erfahrungen auf, im Januar 2016 lud der Umweltausschuss des Bundestages zur Anhörung. „Seither hat das Thema politische Flughöhe erreicht“, sagt der Nabu-Vorsitzende.

Für Hans-Dietrich Reckhaus ist es schon seit 2011 relevant. Damals wollte der Bielefelder Unternehmer die Schweizer Aktionskünstler Frank und Patrik Riklin für eine Werbekampagne gewinnen. Stattdessen konfrontierten die beiden ihn mit der Frage, was eine Fliege wert sei. Eine Provokation: Die Reckhaus GmbH & Co. KG stellt Insektenschutzmittel her. Heute sagt der Mitveranstalter der Konferenz: „Wir wollen die Nachfrage nach Bioziden zurückdrängen.“

Man muss ihn erleben, um zu spüren, dass dahinter mehr als ein billiger Marketingtrick steht. Erst setzte Reckhaus Kompensationsprojekte um: „Wo meine Produkte ökologischen Schaden anrichten, muss ich die Schäden auch wieder beheben.“ Dann rief er das Gütezeichen „Insect Respect“ ins Leben, das auch Konkurrenten zum Umdenken motivieren soll. Inzwischen gehört die Drogeriekette „DM“ zu den Lizenznehmern. Nur in dieser Transformation sieht der Unternehmer eine Zukunft: „Wir werben nicht mehr für unsere Produkte, wir werben für Insekten.“

Dass der Erhalt der Biodiversität schon an sich ein Wert ist, bekräftigt der frühere Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU), Grandseigneur der Nachhaltigkeitsszene. Hinzu kommt die völlige Unverzichtbarkeit der Insekten für den Erhalt der Ökosysteme: von der Zersetzung des Dungs über die natürliche Kontrolle von Pflanzenschädlingen und die Bestäubung von Pflanzen bis zur Nahrungsgrundlage von Fischen und Vögeln. Das Thema müsse in die Breite der Bevölkerung getragen werden, appelliert Töpfer, sonst hechele man nur den Schäden hinterher. „Wir wachsen nur noch durch die Behebung negativer Folgen vorangegangenen Wachstums.“

Eine Lösung sieht Prof. Christoph Scherber von der Uni Münster nur, wenn es gelingt, Insektenvielfalt nicht nur in Naturschutzgebieten, sondern auch auf intensiv genutzten Ackerflächen zu erhalten. Seit April forscht er mit EU-Mitteln am Abschied von Monokulturen. „In Europa steckt das noch in den Kinderschuhen.“

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