Im April 1945 eroberten die Amerikaner eine bergische Stadt, die auf ihren Karten nicht verzeichnet war: Wuppertal.

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Das Foto zeigt die Straße Neuer Weg in Wuppertal-Barmen: Zwischen den aufgeschütteten Trümmern bahnen sich die Menschen nach dem verlorenen Krieg ihren Weg. Archivfoto aus: Wolfgang Ispert: Wuppertal – Aufstieg aus Trümmern und Ruinen. Bonn, 1960

Das Foto zeigt die Straße Neuer Weg in Wuppertal-Barmen: Zwischen den aufgeschütteten Trümmern bahnen sich die Menschen nach dem verlorenen Krieg ihren Weg. Archivfoto aus: Wolfgang Ispert: Wuppertal – Aufstieg aus Trümmern und Ruinen. Bonn, 1960

Das Foto zeigt die Straße Neuer Weg in Wuppertal-Barmen: Zwischen den aufgeschütteten Trümmern bahnen sich die Menschen nach dem verlorenen Krieg ihren Weg. Archivfoto aus: Wolfgang Ispert: Wuppertal – Aufstieg aus Trümmern und Ruinen. Bonn, 1960

Wuppertal. Noch als die Panzer der amerikanischen 78. Infanterie Division am 16. April 1945 über die Cronenberger Straße rollen, haben die US-Streitkräfte keine rechte Vorstellung, welche Stadt sie gerade einnehmen: Wuppertal, erst 1929 als Großstadt entstanden, ist auf ihren Karten nicht verzeichnet.

Die Kampftruppen, die schon an der Schlacht im Hürtgenwald und der Eroberung der Brücke von Remagen beteiligt waren, kommen nicht als Befreier, sondern um Nazi-Deutschland zu besiegen. Was sie vorfinden, bestätigt sie in ihrer Überzeugung, eine Nazi-Hochburg zu erobern, in der Joseph Goebbels schon in den 20er Jahren als Nazi-Chefagitator lebte.

Rund 30 000 Zwangsarbeiter aus halb Europa – Belgier, Franzosen, Italiener, Jugoslawen, Niederländer, Polen, Russen und Tschechen – sind unter unvorstellbaren Zuständen in Baracken-Lagern eingesperrt. Noch wenige Tage vor dem amerikanischen Einmarsch haben Gestapo- und Kripobeamten aus Solingen und Wuppertal 28 Zwangsarbeiter und 71 Gefängnis-Insassen ermordet.

Ab April 1945 essen die Menschen alles, was essbar ist

In den Ruinen der Stadt – 45 Prozent der Gebäude sind zerstört, allein 89 000 Wohnungen fehlen – macht sich Anarchie breit. Deutsche wie befreite Zwangsarbeiter plündern, rauben und stehlen, es kommt zu Schießereien. Bei Racheakten der Befreiten gegenüber der Wuppertaler Bevölkerung sehen die US-Soldaten in den ersten Tagen weg, dann schreiten sie ein.

Die meisten Schäden in der Stadt datieren bereits aus dem Jahr 1943. Während des Bombenkrieges sterben 7000 Wuppertaler, 200 000 verlieren ihre Wohnungen, 100 000 leben in halbkaputten Behausungen. 12 000 Wuppertaler Soldaten kehren aus dem Krieg nicht mehr zurück. Es gibt zunächst kaum Wasser, kaum Strom, kaum Gas. Die Ernährungslage ist katastrophal: Die Nazis schafften es durch zentrale Organisation bis zum Schluss, zumindest in der Regel die Lebensmittelrationen nicht unter 1000 Kalorien pro Tag sinken zu lassen – 2000 wären nötig gewesen.

Vor 70 Jahren ging mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht der Zweite Weltkrieg zu Ende. Wie haben Sie die Stunde Null erlebt? Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit nach 1945?

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Die Wuppertaler essen ab April 1945 buchstäblich alles, was essbar ist. Im Frühsommer 1945 soll ein normaler Erwachsener in Wuppertal monatlich mit 400 Gramm Fleisch, 310 Gramm Fett, 4,5 Kilogramm Roggenbrot, 300 Gramm Erbsen, 125 Gramm Zucker und 125 Gramm Quark auskommen. Doch selbst diese geringen Mengen gibt es oft nur auf dem Papier.

Im Juni 1945 verlassen die Amerikaner die Stadt, Wuppertal wird Teil der britischen Besatzungszone. Die Alliierten lockern das „Fraternisierungsverbot“. Nicht für viele, aber immerhin für einige Wuppertaler Kinder gibt zum ersten Mal in ihrem Leben ein Stück Schokolade: Eine 125-Gramm-Tafel „Dairy Milk Chocolate“ hat 16 Stücke. „Cadbury’s“ wird zum Geschmack der „Stunde Null“.

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