Vertriebene blockieren in Frankreich mit 250 Wohnwagen eine Straße. Sie protestieren gegen ihre drohende Abschiebung.

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Eine Roma-Familie in ihrem illegalen Lager nahe der französischen Stadt Lille.

Eine Roma-Familie in ihrem illegalen Lager nahe der französischen Stadt Lille.

Reuters

Eine Roma-Familie in ihrem illegalen Lager nahe der französischen Stadt Lille.

Paris. Mandy Callevaert ist außer sich. "Wir sind Franzosen, keine Roma, wir sind zivilisiert", empört sich die Frau. Sie und 140 weitere Familien, so genanntes "Fahrendes Volk", stehen seit Sonntag in Bordeaux buchstäblich auf der Straße.

Mit ihren imposanten Wohnwagengespannen und Wohnmobilen - 250 an der Zahl - blockieren sie die vierspurige Umgehungsstraße.

Zwei Wochen sind vergangen, seitdem Frankreichs Präsident nicht nur tausenden Roma, sondern auch dem "Fahrenden Volk" den Krieg erklärt hat. 40der insgesamt 600 illegalen Roma-Lager sind auf Nicolas Sarkozys Geheiß schon geräumt worden, früher oder später werden die Menschen nach Bulgarien oder Rumänien abgeschoben.

Das Argument der Behörden: Es handle sich um zwielichtige Habenichtse, die immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt kämen.

"Wir sind keine Ganoven, wir sind Franzosen"

In Bordeaux hingegen trifft Sarkozys Krieg gegen die illegalen Blechhütten ganz offensichtlich die Falschen. "Gens du voyage", "Fahrendes Volk" - das sind in diesem Fall anständige Kaufleute, die, wie schon ihre Vorfahren, Wochen- und Jahrmärkte im ganzen Land ansteuern. Sie bleiben ein oder zwei Wochen, dann geht die Reise weiter.

Mindestens 700 Roma sollen ab morgen aus Frankreich nach Rumänien und Bulgarien abgeschoben werden. Ihre nicht genehmigten Lager sind bereits geräumt. Hintergrund ist die Entscheidung der französischen Regierung, beim Thema innere Sicherheit eine härtere Linie einzuschlagen und rund die Hälfte der wilden Roma-Siedlungen abzureißen.

Tatsächlich haben die meisten Roma in Frankreich aber die französische Staatsbürgerschaft und werden dort als "Landfahrer" oder "Fahrendes Volk" bezeichnet: Der Begriff ist ein französischer Verwaltungsbegriff und umfasst fahrende Händler, Schausteller, reisende Saisonarbeiter oder andere Roma in "mobilen Unterkünften". Je nach Herkunft werden sie auch als Zigeuner oder Jenische bezeichnet. Auf 400 000 wird ihre Anzahl geschätzt, 95 Prozent von ihnen haben die französische Staatsbürgerschaft.

Ein Gesetz von 1990 verpflichtet alle Gemeinden mit über 5000 Einwohnern, für die "Landfahrer" eine ausreichende Stellfläche für ihre Wohnwagen und Zelte zur Verfügung zu stellen. Ende 2008 gab es aber nur 42 Prozent der vorgesehenen Stellflächen. Mit heftigen Protesten reagierten "Landfahrer" daher zuletzt auf die Räumung von illegalen Lagern, weil es für sie keine Alternativen gebe.

"Wir sind bis auf einige Belgier allesamt Franzosen, wir sind im Handelsregister eingetragen und zahlen unsere Steuern", sagt James Dubois, der Präsident der Landfahrer-Vereinigung. Und fügt beleidigt hinzu: "Wir sind keine Ganoven, wir erwarten lediglich, dass man uns frei leben lässt."

Aus dem Städtchen Anglet, wo sie zuletzt friedlich auf der grünen Wiese campierten, hat man sie am Sonntagmorgen jäh vertrieben, so als seien sie lästiges Gesindel. Daraufhin besetzt der Tross aus Protest die fast 400 Meter lange Aquitanien-Brücke, die über die Garonne führt.

Der frühere Premier Juppé stellt sich auf die Seite der Roma

Vorsichtshalber marschiert eine Polizei-Hundertschaft mit Schlagstöcken auf, doch das Caravan-Völkchen behält die Nerven. Selbst der Bürgermeister, es handelt sich um keinen Geringeren als den früheren Premierminister Alain Juppé, hegt sehr offen Sympathie für die Vertriebenen.

"Sie sind Franzosen und haben Arbeit, wir in Bordeaux ächten sie keinesfalls", sagt er und tadelt im selben Atemzug die Scharfmacher in Paris: "Man darf nicht alle in einen Topf werfen."

Als demonstrierende Landfahrer vor dem Rathaus aufziehen, führen sie stolz zwei Trikoloren und - ganz brave Patrioten - ein Spruchband mit der staatstragenden Aufschrift "Liberté, Egalité, Fraternité" (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) mit sich.

Bürgermeister werfen Präsident Sarkozy Zynismus vor

"Zynismus" und "Fahrlässigkeit" werfen die Bürgermeister Nicolas Sarkozy vor. Manche vergleichen die Lagerräumungen gar mit den Razzien der Vichy-Polizei gegen Juden. Selbst Politiker der Präsidentenpartei gehen auf Distanz.

Doch Industrieminister Christian Estrosi, bekannt als Scharfmacher, gießt Öl ins Feuer. Sein Vorstoß, jene Bürgermeister zu bestrafen, die in der Sicherheitspolitik nachweislich zu tolerant sind, ist leicht zu durchschauen. Er richtet sich gegen den politischen Gegner, die Sozialisten, die in den allermeisten französischen Rathäusern das Sagen haben.

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