In mehreren deutschen Zentren für Transplantationen wurde gemauschelt. Alles nur Einzelfälle?

Leipzig. Göttingen, München, Regensburg und nun Leipzig – schon wieder gibt es einen Transplantations-Skandal in einer Klinik. Die Vorwürfe ähneln sich: Patienten sollen kränker geschrieben worden sein, als sie waren, um sie in Wartelisten für Transplantationen nach oben zu hieven. Staatsanwaltschaften ermitteln, warum Ärzte das gemacht haben. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagt: „Es besteht ein System.“

38 Patienten wurden in Leipzig zu Dialyse-Fällen erklärt

Am Transplantationszentrum des Uniklinikums Leipzig (UKL) sind nach dem bisherigen Ergebnis der Prüfung 38 Patienten fälschlicherweise zu Dialyse-Fällen erklärt worden. Dadurch stieg ihre Dringlichkeit für eine Lebertransplantation. „Das ist ein für mich bestürzendes Ergebnis. Ich bin fest davon ausgegangen, dass wir ein regelkonformes Verfahren haben“, sagt der medizinische Vorstand des UKL, Prof. Wolfgang Fleig. Der Direktor der Transplantationsklinik und zwei Oberärzte wurden beurlaubt.

Im Göttinger Fall sind die Ermittler einen Schritt weiter: Dort wird gegen einen verantwortlichen Mediziner wegen des Verdachts der Bestechlichkeit ermittelt. Der Leipziger Klinik-Chef Fleig sagt, er könne Schmiergeldzahlungen nicht ausschließen. Ermittler sehen zwischen den Fällen in Leipzig und denen in Göttingen sowie Süddeutschland bislang keinen Zusammenhang.

Patientenschützer beklagen, dass das System in privater Hand liegt

Patientenschützer Brysch beklagt, dass das Transplantationssystem in Deutschland nicht in staatlichen Händen, sondern in denen privater Akteure liege. Damit meint er die Bundesärztekammer, unter deren Federführung jetzt alle 47 Transplantationszentren in Deutschland überprüft werden. Je mehr kontrolliert werde, desto mehr Mauscheleien kämen ans Licht, sagt Brysch. Er wirft der Politik Versagen vor.

Das Gesundheitsministerium betont: Die Kontrollen funktionieren

Das Gesundheitsministerium weist die Kritik zurück. „Es gibt Überwachungs-, Prüfungs- und Kontrollmechanismen, die funktionieren“, sagt eine Sprecherin. Die aufgedeckten Manipulationen an drei von bisher zehn überprüften Zentren seien Beleg dafür. Auch Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery betont, dass die Kontrollen funktionierten. Noch drei Jahre werde geprüft – und Montgomery räumt ein, dass dabei weitere Manipulationen aufgedeckt werden könnten.

Der erste große Verdacht fiel am 20. Juli 2012 auf das Uni-Klinikum Göttingen, kurz danach auch auf Regensburg. Ende September geriet das Münchner Klinikum Rechts der Isar in Verdacht, nun auch das Transplantationszentrum in Leipzig. Dass es mehr Verdachtsmomente gibt, liegt auch an schärferen Kontrollen.

 

Da die Ermittlungen noch laufen, gibt es nur Spekulationen. Eine Vermutung zielt auf die Honorarpraxis in Kliniken. Neben einem Grundgehalt gibt es dort Möglichkeiten einer zusätzlichen leistungsabhängigen Ärzte-Bezahlung – und damit den Anreiz, viel zu operieren. Darüber hinaus verdient eine Klinik an Lebertransplantationen  viel Geld.

Im letzten Vierteljahr 2012 sind die Spenderzahlen deutlich zurückgegangen, beklagt die Deutsche Stiftung Organtransplantation. Im Oktober habe es nur noch 60 statt wie sonst 100 Spenden gegeben, auch der November und der Dezember seien schlecht gelaufen.

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