Zwei Millionen Menschen verfolgen in Washington die Vereidigung des ersten afro-amerikanischen Präsidenten.

Washington. Mit der Vereidigung Barack Obamas als 44. Präsident der Vereinigten Staaten hat Amerika ein neues Kapitel in seiner noch jungen Geschichte aufgeschlagen. Noch nie war anlässlich eines Regierungswechsels die Aufregung so groß, noch nie hatten die Amerikaner so hohe Erwartungen an den neuen Hoffnungsträger der USA.

Shirley Wilson aus Springfield in Obamas Heimatstaat Illinois hat einen der begehrtesten Plätze. Ihrem Neffen Michael, der leitender Angesteller bei einer lokalen Fernsehstation ist, gehört eine Wohnung im vierten Stock eines Appartementgebäudes mit direktem Blick auf die Pennsylvania Avenue. Seit 9 Uhr morgens steht Wilson auf dem Balkon, wo sie nur einige Meter von jener Straße entfernt ist, über die wenige Stunden nach der Amtseinführung die Obama-Familie inmitten einer Kolonne gepanzerter Limousinen vom Kapitol zu ihrem neuen Wohnsitz im Weißen Haus chauffiert wird.

Es dauert noch eine Weile, bis der neue Präsident seine Hand auf die Bibel legen wird. Doch die 63-jährige Wilson zittert schon. Nicht etwa wegen der klirrenden Kälte in der Hauptstadt. "Ich hätte nie geglaubt, dass ich diesen Tag jemals erleben würde", schluchzt die Witwe, der Tränen übers Gesicht laufen.

Martin Luther King hatte die Vision eines geeinten Amerika

"Meine Urgroßeltern wuchsen in Alabama als Sklaven auf. Unsere Familie hatte nie Geld und nie die Hoffnung, im Leben weiterzukommen." Dann aber pilgerte sie als 18-Jährige im August 1963 nach Washington, um Martin Luther King zu hören, der auf den Stufen des Lincoln-Denkmals in einer legendären Rede seinen "Traum" beschrieb, den Traum einer Nation, in der Weiße und Schwarze friedlich zusammenleben und gemeinsam auf eine bessere Zukunft hinarbeiten. "Dieser Traum geht heute in Erfüllung, und ich kann immer noch nicht fassen, dass ich dabei bin", freut sich die Großmutter.

Wilson ist nicht die einzige, die an diesem frostigen Morgen dem Wetter trotzt. Zwei Millionen Menschen an der "Mall", jener riesigen Grünfläche, die vom Lincoln-Denkmal fast zwei Kilometer bis zum Fuß des Kapitolshügels reicht - das raubt einem den Atem. Ein endloses Menschenmeer, das sich bis zum Horizont erstreckt. Strahlende Gesichter, singende Kinder. Selbst Körperbehinderte, die in ihren Rollstühlen von freiwilligen Helfern auf eine abgetrennte Rasenfläche gebracht werden, schöpfen an diesem historischen Tag neue Hoffnung. "Ich bin sicher, dass dieser Präsident auch uns helfen wird", sagt ein Vietnam-Veteran, der in Indochina sein linkes Bein verlor. "Obama ist ein Präsident für alle, er wird auch für die Kranken und die Armen da sein."

"Es gibt nichts Schlechtes in Amerika, was sich nicht durch das Gute an Amerika heilen ließe." (1993)

"Unser langer nationaler Albtraum ist zu Ende." (1974 nach dem Rücktritt von Richard Nixon)

"Meine amerikanischen Mitbürger, fragt nicht, was Euer Land für Euch tun kann. Fragt, was Ihr für Euer Land tun könnt." (1961)

"Mit Bosheit gegen niemanden, Barmherzigkeit für jeden, mit dem Glauben an das Richtige, das Gott uns als richtig erkennen lässt: Lasst uns darum kämpfen, unser Werk zu vollenden, die Wunden der Nation zu verbinden, alles zu tun, das einen gerechten und dauerhaften Frieden unter uns und mit allen Nationen bewirken lässt." (1865 während des Bürgerkrieges zwischen dem Norden und dem Süden der Vereinigten Staaten)

Um kurz nach halb Zwölf zieht sich dann Shirley Wilson vom Balkon ins Wohnzimmer zurück und setzt sich gemeinsam mit ihrem Sohn Ron und ihrem Bruder Jesse, die ebenfalls aus Springfield angereist sind, vor einen riesigen Plasmabildschirm. Während man durch die offene Balkontür die jubelnde Masse hört, wollen sich die Wilsons von den historischen Abläufen vor dem Kapitol nichts entgehen lassen. Dann kommt der große Augenblick: Barack Obama wird kurz nach zwölf Uhr mittags 44. Präsident der Vereinigten Staaten.

Beim Amtsschwur zeigt Obama, dass auch er nicht unfehlbar ist. Er ist nervös, verspricht sich gleich zwei Mal. "Das zeigt nur, dass er auch ein Mensch ist", meint Shirley. Während seiner Rede umarmen sich die Wilsons. Sie weinen, so wie tausende andere. Nun wird der erste schwarze Präsident in der Geschichte in ein Haus ziehen, das Ende des 18.Jahrhunderts von afro-amerikanischen Sklaven erbaut wurde. Martin Luther Kings Traum ist in Erfüllung gegangen.

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