Fast zehn Prozent entscheiden sich erst am Wahltag. Das erschwert das Geschäft der Wahlforscher.

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Nach den Wahlumfragen liegt die SPD von Frank Walter Steinmeier klar abgeschlagen hinter Angela Merkels CDU.

Nach den Wahlumfragen liegt die SPD von Frank Walter Steinmeier klar abgeschlagen hinter Angela Merkels CDU.

Reuters

Nach den Wahlumfragen liegt die SPD von Frank Walter Steinmeier klar abgeschlagen hinter Angela Merkels CDU.

Mannheim. Die Umfragen zur Bundestagswahl ergeben seit Wochen unverändert eine Mehrheit für Schwarz-Gelb. Auch Experten im Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES) kamen vor kurzem auf 52,9 Prozent für Union und FDP.

Doch der Mannheimer Wahlforscher Rüdiger Schmitt-Beck zweifelt daran, "weil der Wähler ein unbekanntes Wesen ist". Der Anteil derer, die ihre Entscheidung kurzfristig und flexibel treffen, ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Das erschwert die Arbeit der Meinungsforschungsinstitute. Eine Langzeitstudie des MZES soll den Wähler nun genau beleuchten.

Warum ist der Wähler so unberechenbar geworden?

Früher konnten Wahlsoziologen den Wähler eher als ein sozial verankertes Wesen sehen. "Man hat von den Eltern gelernt, was man zu wählen hat", erklärte Schmitt-Beck. In Deutschland ergab sich aus Religion, sozioökonomischem Status, der Bindung an die Kirchen und an die Gewerkschaften die "psychische Heimat".

"Man wusste, wo das Herz zu schlagen und wo man das Kreuz zu machen hat." Diese Bindung verschwinde zunehmend. "Ein Drittel der Wähler ist inzwischen ungebunden - im Osten Deutschlands sind es noch mehr."

Wie wirkt sich das auf die Wahl aus?

"Fast zehn Prozent der Wähler entscheiden erst am Wahltag, wo sie ihr Kreuz machen", berichtete der Politologe. "Mehr als 40 Prozent entscheiden erst während des Wahlkampfes, welcher Partei sie ihre Stimme geben." Bei der Bundestagswahl 2005 lag dieser Anteil noch bei 15 bis 18 Prozent.

Was heißt das für den Wahlkampf?

2005 Aus Sicht von Manfred Güllner, dem Chef des Forsa-Instituts, wird sich das Debakel der Meinungsforschung bei der Bundestagswahl 2005 diesmal voraussichtlich nicht wiederholen. Damals, so Güllner an die eigene Adresse gerichtet, habe "menschliches Versagen" dazu geführt, dass die Demoskopen unisono von einem klaren Sieg der Union und einer krachenden Niederlage der SPD ausgegangen waren. Man habe nicht registriert, dass es nennenswerte "Vorbehalte" gegen die CDU-Vorsitzende Angela Merkel gab. Tatsächlich gewann die Union 2005 nur mit hauchdünnem Vorsprung. Hunderttausende Wähler hatten sich erst kurz vor Schluss entschieden - zugunsten der SPD unter Gerhard Schröder.

Trotz der auch diesmal erneut hohen Zahl von Unentschlossenen, so Güllner, sei es "absolut unwahrscheinlich", dass die SPD am 27. September die Union noch in Gefahr bringen könne. Allenfalls sei es für die Sozialdemokraten denkbar, ein schwarz-gelbes Bündnis mit der FDP zu verhindern. Dazu müsste die SPD rund zwei Millionen Wählerstimmen zusätzlich gewinnen und auf rund 28 Prozent kommen, flankiert von Linkspartei und Grünen, die jeweils 10Prozent erreichen müssten. Laut Güllner hat das bürgerliche Lager aus CDU und FDP bei den drei Landtagswahlen am vergangenen Wochenende zu über 90 Prozent sein Wählerpotenzial ausgeschöpft, die SPD dagegen nur zu 40 Prozent. Güllner: "Hier besteht noch viel Potenzial. Die SPD müsste diesen Leuten nur ein Motiv geben, zur Wahl zu gehen."

"Bis 2003 war der Wahlkampf eigentlich nur für eine kleine Klientel", berichtete der Forscher. Heutzutage brauche der anspruchsvolle Wähler jedoch viele Informationen, um eine sachbezogene Entscheidung treffen zu können. Eine andere Möglichkeit sei es, sich für Personen zu entscheiden, meint Schmitt-Beck.

Auf dieser emotionaleren Ebene könnten dann unvorhergesehene Ereignisse wie etwa eine Flutkatastrophe eine entscheidende Rolle spielen. "Da kommt es dann darauf an, ob ein Politiker diese Katastrophe für sich nutzen kann - beispielsweise um sich als zupackend darzustellen."

Bekommt der Wähler im Wahlkampf, was er für die Entscheidung braucht?

"Nein. Er ist wenig hilfreich", meint Schmitt-Beck. "Durch die Große Koalition steht der Wahlkampf unter erheblicher Ladehemmung. Man hat den Eindruck, die Parteien suchen verzweifelt nach einem Thema."

Welches Ziel hat die Langzeitstudie zum Wählerverhalten?

"Wir wollen verstehen, wie die Wähler in der heutigen Welt entscheiden", sagt Schmitt-Beck. Die Studie an den Unis in Mannheim, Berlin und Frankfurt umfasst unter anderem Wählerbefragungen vor und nach Wahlen, Medienanalysen und Wahlkämpfe der Parteien.

Knapp 20.000 Menschen werden zu verschiedenen Zeitpunkten befragt. Um langfristige Daten zu erhalten, werden Ergebnisse von 2005 und teilweise auch 2002 einbezogen. Das Projekt soll bei der nächsten Bundestagswahl fortgesetzt werden. Die Studie kostet 2,5 Millionen Euro, finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

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