Betroffene, Bund, Länder und Verantwortliche arbeiten ein dunkles deutsches Kapitel auf.

Berlin. Sie galten als "schwer erziehbar", waren oft nur wegen Bagatellfällen mit der Polizei in Konflikt geraten oder hatten als Minderjährige ein Kind bekommen. Mehr als eine halbe Million Mädchen und Jungen wurden noch bis in die 1970er Jahre hinein in Westdeutschland in Erziehungsheime eingewiesen.

Viele berichten heute, sie seien eingesperrt, gedemütigt, misshandelt und zu Zwangsarbeit herangezogen worden. Jahrzehnte später fällt den Betroffenen das Erzählen über ihre Schicksalsjahre in den 3.000 überwiegend kirchlichen Heimen immer noch schwer.

Jahrelanges Torfstechen, Schuften in Küchen und Arbeit in Werkstätten

Ein vom Bundestag eingesetzter Runder Tisch mit Vertreten von Bund, Ländern, Betroffenen wie Verantwortlichen soll das dunkle Kapitel deutscher Nachkriegspädagogik aufklären. Dabei geht es auch um die Entschädigungsforderungen und Rentenansprüche für jahrelanges Torfstechen, Schuften in Küchen und Großwäschereien oder Hilfsarbeiten in Werkstätten.

Erst ab 1972 führten die Heimträger für die Arbeitsdienste der 14- bis 21-Jährigen Sozialabgaben ab. Viele Betroffene sprechen heute von unbezahlter "Sklavenarbeit unter dem Deckmantel des Christentums" und klagen über ihre minimalen Renten.

Die Erziehungsanstalten hießen "Heim zum Guten Hirten" oder waren nach Heiligen oder Ordensgründern benannt. "Die alte Mönchsregel ,Bete und Arbeite’ erlebte eine perverse Renaissance in diesen konfessionellen Erziehungsheimen der jungen Bundesrepublik", schreibt der "Spiegel"-Autor Peter Wensierski in seinem Buch "Schläge im Namen des Herren". Wensierski hatte 2006 mit seinen Recherchen und Interviews mit Betroffenen und damaligen Betreuern die Diskussion ins Rollen gebracht.

Viele Betroffene sagen, sie hätten nach der Heimzeit aus Scham zunächst ihre Erinnerungen verdrängt. "Ich fühlte mich wie eine Aussätzige", erinnerte sich Sonja Djurovic vom Verein ehemaliger Heimkinder am Dienstag beim ersten Treffen des Runden Tisches in Berlin. Nach Wensierskis Veröffentlichungen hatten sich immer mehr Betroffene gemeldet. Später wurde der Verein gegründet, der sich vor gut zwei Jahren an den Petitionsausschuss wandte.

Aus heutiger Sicht erscheinen manche Fälle nicht nachvollziehbar: Ein 19-Jähriger, der Ende der 50er Jahre mit seiner 16-jährigen Freundin und späteren Ehefrau durchgebrannt war, kam für zwei Jahre ins Heim der evangelischen Diakonie Freistatt. Viele Kinder wussten den Grund ihrer Einweisung nicht und erfahren ihn nun aus den Akten. Etliche galten einfach nur als "Kinder der Sünde".

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