Die Deutschen feiern zunehmend außer Haus – so die These eines Brauchtumsforschers.

Düsseldorf. Das abgeschlossene Wohnzimmer, das zarte Glöckchen und der zaghafte Familienchor vor dem erleuchteten Christbaum - bei keinem anderen Fest wird so inbrünstig auf Rituale gepocht. An Heiligabend gibt es Würstchen mit Kartoffelsalat, am ersten Feiertag bei Oma die Gans. Die einen schwelgen, die anderen leiden meist stumm, nicht nur wegen des fetten Essens.

Doch auch in dieses Bollwerk der Tradition schlägt der gesellschaftliche Wandel Breschen. Zwei Entwicklungen beobachtet der Volkskundler Rainer Wehse. Generell werde das Fest, das seit dem 19. Jahrhundert strikt familiär begangen wurde, nach außen verlagert. Die Lichterketten wandern vom Wohnzimmer in die Vorgärten, die Menschen klappern die Weihnachtsmärkte ab. Allein in NRW gibt es in diesem Jahr mehr als 400.

Das zweite Phänomen ist die Weihnachtsflucht. Es gibt die kleinen Ausflüge in Lokale, die - früher undenkbar - auch am 24. Dezember öffnen. Und es gibt diejenigen, die weit weg wollen. Wehse: "Immer mehr Singles und Alleinerziehende entziehen sich dem Dunstkreis des Familienfestes." Zehn Prozent der Deutschen feiern Weihnachten nicht zu Hause.

Unterm Christbaum sei der Gabentisch trotz der Krise voll, sagt Wehse. Es werde viel und teuer geschenkt, etwa Lifestyle-Produkte - "Schönheits-Operationen sind aktuell sehr beliebt".

Weihnachten besteht zu 80 Prozent aus Tradition

Dass die Zeiten gesamtwirtschaftlich nicht rosig sind, merken auch die Hersteller von Christbaumschmuck - aber nicht am Umsatz, sondern an den Rennern im Sortiment. "Rote und goldene Kugeln sind gefragt - der Schmuck muss traditionell und warm rüberkommen", sagt Frank Marchl, Geschäftsführer der Christbaumschmuckfabrik Riffelmacher & Weinberger im fränkischen Roth. Vorbei sind die Zeiten glitzernder PVC-Sterne, nun baumeln Strohsterne und Ornamente aus Holzspan am Baum. Natur ist gefragt.

Für jeden Sechsten in Deutschland ist nach der Familienfeier Heiligabend noch lange nicht Schluss. Bei einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der "Apotheken Umschau" gaben 17,2 Prozent der Befragten an, sie träfen sich nach den Feierlichkeiten im Familienkreis noch mit Freunden oder vergnügten sich in Clubs, Bars oder Kneipen. Vor allem Teens und Twens freuen sich auf die Sause am späten Weihnachtsabend: Fast vier von zehn der 14- bis 29-Jährigen (38,8 Prozent) gehen anschließend noch mit Freunden aus.

In der Großfamilie feiern, das liegt nach Expertenmeinung wieder im Trend. Ein Grund dafür sei die Wirtschaftskrise. "Stabil ist oft nur noch die Familie, nicht mehr die Arbeitswelt", sagt der Tübinger Religionspädagoge Albert Biesinger. Biesinger warnt allerdings vor zu hohen Erwartungen an Weihnachten: Ob die Feier an Heiligabend tatsächlich gelinge, hänge entscheidend davon ab, wie es an allen anderen Tagen zu Hause aussieht.

Es gibt zwar auch Moden - vor drei Jahren war es türkis, in diesem Jahr ist es lila - aber auf eins kann sich Marchl bei der Disposition seiner Glaskugeln verlassen: "Deutsche Weihnachten bestehen zu 80 Prozent aus Tradition." Und Rainer Wehse weiß, was die Weihnachtsflüchtlinge selbst auf entlegenen Atollen der Malediven erwartet: Plastikweihnachtsbäume und "Jingle Bells" vom Endlosband - "Weihnachten kann man nicht entkommen."

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