Anders als in den USA ist in Deutschland die Gesundheit von Politikern selten ein Thema - noch.

Hillary Clinton
Hillay Clinton will nach ihrem vorzeitigen Verlassen der Gedenkfeier zum 15. Jahrestag der Anschläge vom 11. September in New York so bald wie möglich wieder Wahlkampfauftritte absolvieren. Foto: Jim Lo Scalzo

Hillay Clinton will nach ihrem vorzeitigen Verlassen der Gedenkfeier zum 15. Jahrestag der Anschläge vom 11. September in New York so bald wie möglich wieder Wahlkampfauftritte absolvieren. Foto: Jim Lo Scalzo

dpa

Hillay Clinton will nach ihrem vorzeitigen Verlassen der Gedenkfeier zum 15. Jahrestag der Anschläge vom 11. September in New York so bald wie möglich wieder Wahlkampfauftritte absolvieren. Foto: Jim Lo Scalzo

Berlin. Ihr Schwächeanfall und die Geheimniskrämerei um ihren Gesundheitszustand könnte Hillary Clinton die US-Präsidentschaft kosten. Sexskandale, Probleme mit der Steuer oder Kiffen in jungen Jahren - das alles verzeiht der amerikanische Wähler noch. Aber offenbar will er niemanden im Weißen Haus sehen, der nicht topfit ist. In Deutschland ist das noch anders. Über die Fitness von Spitzenpolitikern wird wenig geredet. Für den Weg ins Amt ist auch kein ärztliches Bulletin nötig. Privatsache!

Politik in höchsten Sphären kann äußerst brutal sein, schon wegen des Terminstresses und der andauernden Übermüdung. Bei dem einen rebelliert der Körper, wie beim damaligen SPD-Chef Franz Müntefering, der 2005 bei einer Wahlkampfveranstaltung zusammenbrach. Bei dem anderen nicht. Wie bei Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Als sie auf dem Höhepunkt der Ukraine-Krise einen Reisemarathon zwischen Kiew, Moskau, Washington und Minsk absolvierte, wurde sie dafür sogar bewundert: Wie schafft sie das? Merkels Antwort: "Ich habe gewisse kamelartige Fähigkeiten. Ich habe eine gewisse Speicherfähigkeit. Aber dann muss ich mal wieder auftanken."

Müdigkeit ist halt eine Blöße, und die zeigt man nicht. Als Merkel sich jedoch 2014 beim Ski-Langlauf einen Beckenringbruch zugezogen hatte, war das Interesse an ihrem Gesundheitszustand groß. Nur glaubte damals niemand, dass die Regierungsgeschäfte darunter leiden könnten. Für Malu Dreyer (SPD) gilt das auch. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin ist an Multiple Sklerose (MS) erkrankt. Im rheinland-pfälzischen Wahlkampf Anfang des Jahres spielte das aber so gut wie keine Rolle. Hierzulande ist diesbezüglich die politische Pietät viel größer als in den USA. Niemand nahm an, dass Dreyer wegen ihrer Krankheit nicht weiterhin eine gute Landesmutter sein könnte. Sie gewann die Wahl.

Wobei Politiker oftmals auch nur die Zähne zusammenbeißen, um keine Schwäche zu zeigen. Denn Schwäche macht angreifbar, wie Clinton gerade erlebt. Horst Seehofer (CSU) glaubt das offenbar auch. Wegen Stress und Überarbeitung verschleppte der bayerische Ministerpräsident 2001 eine Viruserkrankung und sprang dem Tod nur knapp von der Schippe. Gelernt hat er daraus womöglich nur wenig: Während der Premiere der Bayreuther Festspiele in diesem Jahr musste er ins Krankenhaus und die Nacht auf der Intensivstation verbringen. Ein harmloser Schwächeanfall oder doch mehr? Er übe sein Amt "mit großer Gewissenhaftigkeit" aus, ließ der CSU-Chef damals wissen.

Sicher ist sicher - die Konkurrenz schläft nicht, Schwäche kann politisch gefährlich werden. Siehe USA. In Bayern derzeit ebenso, weil im Hintergrund heftig um Seehofers Nachfolge gerangelt wird. Viele Politiker quälen sich allerdings auch deshalb weiter, weil sie sich für unverzichtbar halten. Politik als Droge. Seehofer ist so ein Fall. Wolfgang Schäuble (CDU) auch. Bei ihm kommt hinzu, dass die Kanzlerin auf ihn nicht verzichten will. 2010 habe er Merkel wegen einer schweren Erkrankung den Rücktritt angeboten, gestand der an den Rollstuhl gefesselte Finanzminister einmal. Sie lehnte ab.

Trotz all der Krankengeschichten, die dann doch bekannt werden, im Vergleich zu den USA nehmen in Deutschland auch die Medien viel mehr Rücksicht auf die Privatsphäre der Volksvertreter, wozu der Gesundheitszustand gehört. Noch jedenfalls. Manchmal geht es für Politiker aber einfach nicht weiter. Wie bei Clinton jetzt. Dann gehen sie selbst in die Offensive. Siehe Matthias Platzeck, der 2006 als SPD-Chef zurücktrat und ganz offen über seine gesundheitlichen Probleme sprach.

2013 gab er dann auch das Amt des Ministerpräsidenten von Brandenburg auf. Diagnose damals: leichter Schlaganfall. Viele andere haben zuletzt ebenfalls freimütig über ihre Krankheiten erzählt: Gregor Gysi (zwei Herzinfarkte, eine Kopf-OP), Oskar Lafontaine oder Wolfgang Bosbach (beide Krebs). Wobei dahinter Kalkül stecken kann. Platzeck meinte mal: Ist die Wahrheit erst raus, wird man vielleicht in Ruhe gelassen.

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