Weil Italien die Hilfe und das Geld des libyschen Diktators braucht, darf sich dieser drei Tage lang (fast) alles erlauben.

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Italiens Ministerpräsident Berlusconi mit Libyens Staatschef Gaddafi in pompöser Uniform. Rechts eine der hübschen libyschen Leibwächterinnen.

Italiens Ministerpräsident Berlusconi mit Libyens Staatschef Gaddafi in pompöser Uniform. Rechts eine der hübschen libyschen Leibwächterinnen.

Reuters

Italiens Ministerpräsident Berlusconi mit Libyens Staatschef Gaddafi in pompöser Uniform. Rechts eine der hübschen libyschen Leibwächterinnen.

Rom. Die römischen Studenten hatten Sprechchöre gegen den libyschen Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi eingeübt und rote Nebelkerzen mitgebracht. Linke Senatoren verliehen ihm derweil den ziemlich unakademischen Titel eines Menschenrechtsverletzers: „Laurea Horribilis Causa“. Hunderte von Polizisten machten die „offene Stadt“ Rom zur gepanzerten Festung, mit Scharfschützen auf den Dächern und Hundestaffeln nahe der Piazza Navona. Gaddafi war in der Stadt – zu seinem ersten offiziellen Besuch bei der früheren Kolonialmacht.

Den 66 oder 67 Jahre alten Beduinen aus Surt an der Mittelmeerküste schien das alles kalt zu lassen. Wie schon bei der Ankunft am Vortag kam er mit einstündiger Verspätung aus seinem Luxuszelt im Park der fürstlichen Villa Pamphili. Gaddafi weiß, was er sich leisten kann.

Das pausenlos wabernde Geräusch der Helikopter lag über der Ewigen Stadt am Tiber. Nicht, dass die Römer sich nicht längst daran gewöhnen mussten, die Staatslimousinen mit heulenden Polizeisirenen an sich vorbeirasen zu sehen und den Himmel voller Hubschrauber zu haben. Aber für den selbst ernannten Revolutionsführer ohne Mandat, für den bizarren Nordafrikaner mit den tiefschwarzen Schattenseiten in seiner Karriere?

Wie auch immer: Regierungschef Silvio Berlusconi und Senatspräsident Renato Schifani preisten in allerhöchsten Tönen diese „Brücke zur Zukunft“, den Freundschaftsvertrag, den Tripolis und Rom feiern. Es geht darum, dass libysche Öldollar in Bella Italia investiert werden und man gemeinsam Immigranten von Italien fernhält.

„Wenn wir auf Amnesty International hören würden, hättet ihr bald ganz Afrika bei euch zu Hause.“

„Ich bin hier, weil Italien sich (für die Kolonialzeit) entschuldigt hat“, lobte der bizarre Mann vom anderen Saum des Mittelmeeres die „mutige Generation der Italiener, die dieses neue Kapitel der Freundschaft ermöglicht hat“. Er ist unberechenbar: Nur Stunden zuvor provozierte er seinen Gastgeber Berlusconi mit einem an die uniformierte Brust gehefteten Foto eines „Helden“ des Widerstands gegen die einstigen Kolonialherren.

Brüsk demonstrierte er so vor den Fernsehkameras der Welt: Italien braucht ihn mehr als er die Italiener. Auch bei der Abwehr illegaler Immigranten, die von Libyens Küsten aus gen Europa streben. Der Boss der ausländerfeindlichen Lega Nord, Umberto Bossi, brachte es auf den Nenner: „Gaddafi stoppt die Einwanderung, er hilft Italien.“ Er kann sich also einiges erlauben.

Auch einen erstklassigen diplomatischen Eklat, wie er womöglich in der Luft lag? Offensichtlich! Berlusconi habe den Revolutionsführer zunächst nicht am Flughafen Ciampino begrüßen wollen und hätte damit riskiert, dass der Libyer noch in der Luft Kurs zurück in seine Heimat gemacht hätte, so wollte es die linksliberale „La Repubblica“ wissen. In der Tat war Gaddafi aus unerklärlichen Gründen um 60 Minuten verspätet gelandet, während sich der Cavaliere, wie Berlusconi genannt wird, doch rasch noch zum Flughafen bringen ließ.

Auch die Turiner „La Stampa“ mäkelte am beflissenen Regierungschef herum, der es wie so oft übertrieben habe, als er Gaddafi in die Arme nahm. Er kann es sich nicht leisten, den Mann vor den Kopf zu stoßen, der in große italienische Konzerne wie Enel und Eni Geld stecken soll.

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