Vertrauter von Benedikt will Akten „aus Unbehagen über Zustände im Vatikan“ kopiert haben.

«Vatileaks»-Prozess
Der Angeklagte Paolo Gabriele (r.), Ex-Kammerdiener des Papstes, vor Gericht. Foto: Osservatore Romano

Der Angeklagte Paolo Gabriele (r.), Ex-Kammerdiener des Papstes, vor Gericht. Foto: Osservatore Romano

dpa

Der Angeklagte Paolo Gabriele (r.), Ex-Kammerdiener des Papstes, vor Gericht. Foto: Osservatore Romano

Rom. Er habe keine Mittäter gehabt, und getrieben habe ihn allein die Sorge über bedenkliche Entwicklungen in seiner Kirche. Der frühere päpstliche Kammerdiener in der Enthüllungsaffäre „Vatileaks“ gibt alles zu: Er habe vertrauliche Dokumente von den Schreibtischen in den päpstlichen Räumen genommen, sagte Paolo Gabriele am Dienstag nach Angaben der vom Vatikan zugelassenen Prozessbeobachter.

Er sehe nicht wie die Anklage schweren Diebstahl, sagte der Familienvater (46). „Aber ich fühle mich schuldig, das Vertrauen missbraucht zu haben, das der Heilige Vater in mich gesetzt hatte.“

In Paolo Gabrieles Zelle brannte Tag und Nacht das Licht

„Paoletto“, der unter Hausarrest steht, sagt, er habe etwa 2010 oder 2011 angefangen, Kopien zu machen, weil er Unbehagen verspürt habe über die Vorgänge im Vatikan. In der Arbeitszeit nutzte er den Kopierer in den Büroräumen – auch wenn andere anwesend waren. Er habe schließlich nicht das Gefühl gehabt, etwas Böses zu tun. Die Auswahl der Dokumente habe er intuitiv getroffen: „Ich ließ mich von meinem Instinkt leiten.“

Die Schilderung Gabrieles über seine Haftbedingungen treibt dem Chef der vatikanischen Gendarmerie, Polizeichef Domenico Giani, die Schamesröte ins Gesicht. Er sei zu Anfang in eine winzige Zelle gebracht worden, und in der ersten Nacht habe er kein Kopfkissen bekommen, klagt der Ex-Kammerdiener. 15 bis 20 Tage lang habe ununterbrochen das Licht gebrannt. Der vatikanische Staatsanwalt will die Haftbedingungen untersuchen.

Ermittler hatten 82 Kisten mit Papieren gefunden

Gabriele, der sich als Mittler des Heiligen Geistes sah, sammelte alles Mögliche. In seiner Wohnung fanden die Ermittler einen ganzen Schrank voller Papiere, darunter Ausdrucke aus dem Internet über Geheimdienste und Freimaurer. 82 Kisten schafften sie aus der Wohnung, in der Gabriele mit seiner Frau und den drei Kindern innerhalb der Vatikanmauern lebte.

„Die Veröffentlichung des Buches habe ich nicht gewollt“

Wie aus dem Ei gepellt – so sah er immer aus, und so erschien er auch zu seinem Prozess im Vatikan: der ehemalige Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele. Auf zahlreichen Fotos ist er zusammen mit Benedikt XVI. zu sehen. Diskret, mit immer gleicher Miene steht er meist direkt hinter dem Papst.

Der 46 Jahre alte Familienvater stand schon zu Zeiten von Papst Johannes Paul II. in den Diensten des Vatikans. 2006 wurde er Benedikts Kammerdiener. „Paoletto“, so der Spitzname, gehörte mit seiner Ehefrau und den drei gemeinsamen Kindern zu den wenigen hundert Einwohnern des winzigen Kirchenstaates Vatikanstadt. Er gilt als streng gläubig.

Mit den Privatsekretären Georg Gänswein und Alfred Xuereb zählte Gabriele zum päpstlichen Haushalt. Er half Benedikt beim Anziehen, servierte ihm das Essen und bereitete sein Schlafzimmer vor. Und er hatte alle Schlüssel.

Was erwartete Gabriele, den ein psychiatrisches Gutachten als leicht beeinflussbar beschreibt, von der Weitergabe der Dokumente? „Das Buch, das ist sicher, habe ich nicht gewollt“, sagt er mit Blick auf das Buch „Sua Santità“ (Seine Heiligkeit) von Gianluigi Nuzzi, der viele Dokumente veröffentlichte. In einem anonymen Interview mit Nuzzi sagte er früher, die Mauer des Schweigens müsse durchbrochen werden, er habe etwa 20 Gleichgesinnte.

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