Seit 170 Tagen schließen Syriens Regime und Verbündete den Ort Madaja ein. Tausenden drohe der Hungertod, warnen Aktivisten. Der Stadt wird zum Verhängnis, dass sie an einer strategisch wichtigen Stelle liegt.

Lebensmittel in Syrien werden knapper
Im Oktober kam die letzte Hilfslieferung in der belagerten Stadt Madaja an. 40.000 Menschen sind dort vom Hungertod bedroht. Foto: Symbolbild

Im Oktober kam die letzte Hilfslieferung in der belagerten Stadt Madaja an. 40.000 Menschen sind dort vom Hungertod bedroht. Foto: Symbolbild

Bruno Gallardo

Im Oktober kam die letzte Hilfslieferung in der belagerten Stadt Madaja an. 40.000 Menschen sind dort vom Hungertod bedroht. Foto: Symbolbild

Damaskus (dpa) - Das ganze Ausmaß der Hungerkatastrophe lässt sich nur erahnen. Bilder von Aktivsten aus der seit Monaten belagerten syrischen Stadt Madaja zeigen Tote mit Körpern, die bis auf die Knochen ausgemergelt sind. Die lokale Gesundheitsbehörde hat auf Facebook ein Video verbreitet, in dem ein kleines Mädchen strampelt, bis auf die Haut abgemagert. Sieben Monate alt sei das Kind mit dem Namen Amal, erzählt eine Frauenstimme. Und habe seit Tagen nichts zu essen bekommen. Die Kleine schreit mit krächzender Stimme.

Überprüfen lassen sich diese schrecklichen Bilder nicht. Aber alles spricht dafür, dass sie echt sind und von einer der schlimmsten Hungerkatastrophen in dem fast fünfjährigen syrischen Bürgerkrieg zeugen. Seit fast sechs Monaten haben Regierungskräfte und die mit ihr verbündete Schiitenmiliz Hisbollah die von Rebellen kontrollierte Enklave nordwestlich der Hauptstadt Damaskus von der Außenwelt abgeriegelt. Rund 40 000 Menschen sollen dort eingeschlossen sein, mindestens die Hälfte von ihnen Zivilisten.

Es gebe so viele Kontrollpunkte, dass es fast unmöglich sei, Lebensmittel und Medizin in die Stadt zu bringen, berichten Aktivisten. Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) und der Syrische Rote Halbmond hätten zuletzt im Oktober in der Stadt Hilfe leisten können, sagt eine IKRK-Sprecherin. Das Winterwetter verschlimmert die ohnehin schon katastrophale Lage in Madaja noch weiter. Aktivisten und Oppositionsmedien melden, dass dort mittlerweile mehr als 30 Menschen an Hunger und Kälte gestorben seien. Dutzende hätten Ohnmachts- und Schwächeanfälle erlitten.

25 000 Menschen seien vom Hungertod bedroht, erzählt der Aktivist Masen Burhan vom humanitären Komitee Madajas über Skype. Ein halbes Kilo Reis oder Weizen könne 200 Dollar kosten. Das Komitee versuche, die wenigen Lebensmittel, die es erhalte, gerecht zu verteilen.

Wie andere Aktivisten berichtet auch Burhan, dass Einwohner nun Hunde und Katzen schlachteten, um das Fleisch der Tiere zu essen. Um ihren Hunger irgendwie zu stillen, sollen sie schon Gras gegessen haben. «Den Geschmack von Brot haben die Menschen vergessen», sagt Masen Burhan. Auch Milch für Kinder wie die kleine Amal fehle, heißt es.

Madaja wird zum Verhängnis, dass die Stadt an einem strategisch wichtigen Ort liegt. Das Regime und die Hisbollah beherrschen den größten Teil des Gebiets an der Grenze zum Nachbarland Libanon. Die vom Iran unterstützte Miliz will die gesamte Region unter Kontrolle bringen, um eine Pufferzone gegen die Rebellen zu haben. Schon im vergangenen Jahr bombardierten Armee und Verbündete die nahe gelegene Stadt Sabadani über Wochen ohne jede Rücksicht auf Zivilisten. Seit langem sind in dem Bürgerkrieg alle Hemmschwellen gefallen.

Es ist in dem Konflikt nicht die erste humanitäre Katastrophe infolge einer Blockade. Im Juni beklagten die UN, mittlerweile setzten alle Kriegsparteien das Aushungern als Kampfmittel ein. Eines der bislang schlimmsten Beispiele war das palästinensische Flüchtlingslager Jarmuk im Süden von Damaskus, das von der Armee belagert wurde. Abgeschnitten von der Außenwelt starben dort Dutzende den Hungertod, wie Aktivisten im vergangenen Jahr berichteten.

Zumindest zeichnete sich am Donnerstag Hilfe für die Menschen in Madaja ab: Syriens Regime stimmte am Donnerstag den UN zufolge Lieferungen für die Stadt zu. Eine andere Hoffnung haben die hungernden Einwohner kaum. Immer wieder versuchen offenbar auch Menschen, trotz der Blockade zu fliehen. Doch das sei gefährlich, berichtet Aktivsten Masen Burhan. Einige seien schon ums Leben gekommen, als sie bei der Flucht auf Minen getreten seien.

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