Der Papst und die Massen
Papst Franziskus winkt der Menge auf dem Petersplatz zu. Foto: Osservatore Romano

Papst Franziskus winkt der Menge auf dem Petersplatz zu. Foto: Osservatore Romano

Auch irakische Flaggen sind auf dem Petersplatz zu sehen. Foto: Ciro Fusco

Menschen schwenken argentinische Flaggen auf dem Petersplatz. Foto: Claudio Peri.

Auch Gläubige aus Mexiko jubeln dem Papst zu. Foto: Valdrin Xhemaj

dpa, Bild 1 von 4

Papst Franziskus winkt der Menge auf dem Petersplatz zu. Foto: Osservatore Romano

Rom (dpa) - Uneitel, humorvoll, den Menschen nah: Umjubelt von mehr als 150 000 Menschen hat Papst Franziskus am Sonntag sein erstes Angelus-Gebet gesprochen und zur Barmherzigkeit anderen gegenüber aufgerufen.

Auch bei weiteren Auftritten am Wochenende präsentierte sich der 76-jährige Argentinier als volksnahes Kirchenoberhaupt und eroberte so die Herzen vieler.

«Ein bisschen Barmherzigkeit verändert die Welt, macht sie weniger kalt und gerechter», sagte Jorge Mario Bergoglio unter dem Beifall der Menge auf dem Petersplatz. Ausdrücklich berief er sich dabei auf ein Buch des deutschen Kardinals Walter Kasper - «ein großartiger, ein guter Theologe», sagte er.

Bei einem Empfang für Tausende Medienvertreter am Samstag rief Franziskus die Katholiken in aller Welt auf, sich stärker für die Armen einzusetzen. «Ich möchte eine arme Kirche und eine Kirche für die Armen.» Zugleich betonte er, dass die Kirche nicht politisch, sondern im Kern spirituell sei.

Über die personelle Besetzung der wichtigen Posten in der römischen Kurie, die durch die «Vatileaks»-Affäre um Verrat und andere Machenschaften ins Gerede gekommen war, will er erst später entscheiden. Der Papst wolle sich eine gewisse Zeit nehmen für Reflexion, Gebete und Gespräche, erklärte der Vatikan. Die Vorgabe gilt auch für den Posten des umstrittenen Kardinalstaatssekretärs Tarcisio Bertone.

Nächsten Samstag will Franziskus seinen Vorgänger Benedikt XVI. treffen, wie der Vatikan mitteilte. Bereits am Dienstag ist die feierliche Amtseinführung mit Staatsgästen aus 180 Ländern geplant, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel. Eine Million Pilger werden dazu in Rom erwartet. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden massiv verstärkt, rund 1700 Sicherheitskräfte, darunter Scharfschützen, sind im Einsatz.

Laut Vatikan strömten mehr als 150 000 Menschen zum Angelus-Gebet auf den Petersplatz, der römische Bürgermeister Gianni Alemanno sprach sogar von 300 000. Viele schwenkten die Flagge Argentiniens.

Franziskus rief die Menschen auf, barmherzig zu sein und anderen zu verzeihen. «Gott wird nie müde, uns zu verzeihen. Das Problem ist, dass wir müde werden, um Vergebung zu bitten.» Mit der Wahl seines Namens nach Franz von Assisi wolle er seine spirituelle Verbindung mit Italien bekräftigen, sagte Bergoglio. Dort lägen die Wurzeln seiner Familie.

Der Papst rezitierte das «Ave Maria» in Latein, betete gemeinsam mit den Menschen auf dem Petersplatz und segnete sie. Immer wieder brandete Beifall auf. Zum Schluss wünschte er einen «schönen Sonntag und guten Appetit».

Kurz zuvor hatte er in der Vatikankirche Sant'Anna einen Gottesdienst gefeiert. Danach begrüßte er vor der Kirche jeden Besucher einzeln, gab allen die Hand und sprach mit ihnen - ein Papst zum Anfassen. Das italienische Fernsehen berichtete, nach wie vor nutze das Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken nicht seine Limousine, sondern ein «normales Auto».

Die große Mehrheit der Deutschen glaubt einer Umfrage zufolge, dass Franziskus ein guter Papst sein wird. Laut einer Emnid-Umfrage für die «Bild am Sonntag» sind 79 Prozent der Katholiken und 69 Prozent aller Deutschen dieser Überzeugung. Einsetzen soll er sich nach Meinung der Befragten vor allem gegen Armut (96 Prozent), für die Aufklärung von Missbrauchsskandalen (95 Prozent) sowie für die Abschaffung des Zölibats und das Priesteramt für Frauen (je 74 Prozent).

Franziskus wird nach Einschätzung des Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, nicht alle Erwartungen erfüllen können. Er trete kein einfaches Amt an, heißt es in einem Hirtenbrief, der an diesem Sonntag in allen Gottesdiensten des Erzbistums Freiburg verlesen wurde.

Mit Spannung wird in Rom das historische Treffen des neuen und des emeritierten Papstes in Castel Gandolfo erwartet. Benedikt will die Unterlagen zum «Vatileaks»-Skandal nur seinem Nachfolger zugänglich machen. Beobachter schlossen daraus, dass die Inhalte brisant sein dürften. In dem Skandal geht es nach Medienberichten angeblich um Korruption, Intrigen und sexuelle Ausschweifungen. Derzeit sollen sich die Geheimdokumente in Castel Gandolfo befinden.

Nach Einschätzung von Lateinamerika-Historikern der Universität Münster gibt es derzeit keine schriftlichen Belege über eine Zusammenarbeit Bergoglios mit der argentinischen Militärdiktatur (1976-1983). Weil Archive nicht zugänglich seien, könne jedoch keine klare Aussage über sein Wirken als Chef der argentinischen Jesuiten getroffen werden, sagte die Jesuitenforscherin Antje Schnoor der Nachrichtenagentur dpa.

Medien hatten berichtet, der Argentinier habe sich in der Zeit der Militärjunta nicht hinreichend für zwei Jesuitenpater eingesetzt, die zeitweise inhaftiert und gefoltert wurden. Vatikansprecher Federico Lombardi widersprach: Bergoglio habe viel getan, um Menschen zu schützen. Der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» liegt nach eigenen Angaben ein bisher unbekannter Brief von Franziskus aus dem Jahr 1976 vor, in dem er der Familie eines der betroffenen Jesuitenpater seine Unterstützung zusichert.

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