Volker Perthes sieht wirtschaftliche Folgen für Europa durch Drohung gegen Iran.

Interview
Israel debattiert über einen Luftangriff auf Irans Atomanlagen.

Israel debattiert über einen Luftangriff auf Irans Atomanlagen.

dpa

Israel debattiert über einen Luftangriff auf Irans Atomanlagen.

Berlin/Tel Aviv. Am Freitag sollen in Wien die Gespräche über das iranische Atomprogramm wieder aufgenommen werden. Dazu treffen Vertreter der Internationalen Atomenergiebehörde mit Abgesandten Teherans zusammen.

Doch gleichzeitig wird in Israel über einen Angriff auf den Iran diskutiert. Dessen Ziel: die Atomanlagen des Mullah-Regimes zerstören. Denn die Regierung in Tel Aviv geht davon aus, dass Teheran trotz gegenteiliger Beteuerungen nach der Atombombe greifen will und zugleich die Vernichtung Israels im Auge hat.

Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, warum es mittlerweile eine gezielte Hysterie in Israel gibt, und wie sich diese auf Deutschland auswirkt.

Herr Perthes, wie realistisch ist die Angriffsdrohung Israels?

Volker Perthes: Sie ist für die kommenden Monate sicher nicht realistisch. Der amerikanische Verteidigungsminister Leon Panetta hat kürzlich klargemacht, dass Israel einen solchen Angriff nicht allein durchziehen kann. Zugleich hat die US-Regierung aber auch sehr deutlich gemacht, dass sie derzeit keine weitere Eskalation im Nahen Osten wünscht.

1958 in Duisburg-Homberg geboren, studierte Volker Perthes an der Universität Duisburg Politologie. Seit 2005 ist der Professor Direktor der renommierten Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin und Fachmann für den Nahen Osten.

Worauf zielt das israelische Säbelrasseln dann ab?

Perthes: Die Israelis sind sehr besorgt über das iranische Atomprogramm. Die Regierung will mit ihren Drohgebärden zeigen, dass sie diese Sorgen ernst nimmt. Zum anderen will man den Iran abschrecken. Am wichtigsten ist aber wohl der Aspekt, dass Israel seinen Partnern auch klarmachen will, dass seine Geduld enden kann – für den Fall, dass Washington und Brüssel keine ausreichenden Maßnahmen gegen Irans Atomprogramm unternehmen.

„Jede zusätzliche Spannung im Mittleren Osten wirkt sich auf den Ölpreis aus.“

Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik

Wirkt sich diese Drohkulisse bereits wirtschaftlich aus?

Perthes: Die Firmen, die in Israel investiert haben, sind Spannungen gewohnt. Der Iran ist durch die Sanktionen ohnehin schon unter Druck. Aber generell gilt: Jede zusätzliche Spannung im Mittleren Osten wirkt sich auf den Ölpreis aus. Da ist viel Psychologie im Spiel, und manche Konzerne nutzen die Lage, um die Preise anzuziehen.

Sollte es dennoch einen Angriff geben – welche Folgen hätte das für Deutschland?

Perthes: Deutschland wäre nicht direkt betroffen. Aber es muss mit seinen EU-Partnern eine gemeinsame Position finden. Ich gehe davon aus, dass Deutschland ähnlich wie andere EU-Staaten einen israelischen Angriff nicht unterstützen würde, gleichzeitig aber Israel die Solidarität nicht verweigern würde, wenn es zu iranischen Gegenschlägen oder einem längeren Krieg kommt.

Deutschland steht Israel historisch bedingt sehr nahe. Würde sich das durch einen israelischen Angriff zwangsläufig ändern?

Perthes: Ein solcher Angriff Israels gegen den Rat aller seiner Partner würde das Verhältnis zu diesen Freunden weiter belasten. Ähnlich wie die Siedlungspolitik oder anderen Strategien in Bezug auf die Palästinenser bereits für Verstimmungen sorgen. Aber zwischen einer Belastung des Verhältnisses und einer grundlegenden Änderung, gar einem Bruch, ist es noch sehr weit.

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