Der Münsteraner Theologe Klaus Müller zollt dem Papst Respekt, bewertet dessen Bilanz aber negativ.

interview

Brigitte Heeke

Münster. Der Rücktritt des Papstes kommt auch für viele Theologen überraschend. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt der Münsteraner Professor für Grundfragen der Theologie, Klaus Müller (Foto), warum Papst Benedikts Bilanz seiner Meinung nach eher negativ ausfällt.

Herr Professor Müller, was bedeutet der Rücktritt des Papstes?

Klaus Müller: Der Schritt kommt völlig überraschend. Wir wussten zwar schon länger, dass Benedikt angeschlagen war. Aber damit hat nun niemand gerechnet. Ich war im ersten Moment regelrecht sprachlos.

Wird das Papstamt durch einen Rücktritt geschwächt?

Müller: Wir werden lernen müssen, dass auch dieses Amt zeitliche Grenzen hat. Ich glaube aber nicht, dass es dadurch Schaden nimmt. Die Menschen werden es viel eher respektieren und honorieren, wenn jemand ehrlich ist und sagt, dass er nicht mehr die Kraft für diese Verantwortung hat und deshalb den Platz für einen Nachfolger freimacht.

Papst Benedikt XVI. hat ein sehr enges Verhältnis zu seinem drei Jahre älteren Bruder Georg – ebenfalls katholischer Priester und lange Jahre Leiter der Regensburger Domspatzen. Ihn weihte er auch in seine Rücktrittspläne ein. „Ich war eingeweiht“, sagte Georg Ratzinger am Montag. Als Grund für den Rücktritt nannte der 89-Jährige wie der Papst auch die angeschlagene Gesundheit seines Bruders (85).

Das Alter drückt“, sagte der 89-Jährige. Der Leibarzt habe dem Papst geraten, keine transatlantischen Reisen mehr zu unternehmen. Auch das Gehen bereite seinem Bruder zunehmend Schwierigkeiten, erläutert Georg Ratzinger. Zudem ermüde der Papst rascher als früher, fügt er hinzu. „Mein Bruder wünscht sich im Alter mehr Ruhe“, betonte Georg Ratzinger.

Wie hat der deutsche Papst die katholische Kirche seit 2005 verändert?

Müller: Zunächst war da sehr große Hoffnung auf Reformen. Joseph Ratzinger kannte die Kurie sehr gut, und man erhoffte sich, dass er sie auf eine neue Linie führen könnte. Doch dann musste man feststellen, dass es sogar eher noch in die andere Richtung ging. Die Entwicklung der katholischen Kirche hat in seiner Zeit als Oberhaupt eher auf der Stelle getreten, anstatt die erhofften Fortschritte zu machen.

Was wird von der Amtszeit Papst Benedikts XVI. in Erinnerung bleiben?

Müller: Momentan gehe ich davon aus, dass in der öffentlichen Wahrnehmung eher die Situationen, in denen er in Fettnäpfe getreten ist, in Erinnerung bleiben werden.

Welche meinen Sie konkret?

Müller: Da ist zum einen der Streit um die vier Pius-Brüder, deren Exkommunikation Papst Benedikt 2009 aufgehoben hat. Zum anderen agierte er recht unglücklich, als er Anwendung der sogenannten Karfreitagsfürbitte erleichterte, um den Traditionalisten entgegen zu kommen. Zugleich hat er damit die Juden vor den Kopf gestoßen.

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