Klimawandel: Vietnam droht „Land unter“. Deshalb pflanzen die Bauern im Süden mit deutscher Unterstützung Mangroven an.

Klimawandel
Son Xa Phen kontrolliert sein Netz, mit dem er zum Fischfang geht, auf Löcher. Das Leben im Mekong Delta ist entbehrungsreich, und die Angst vor Überflutungen ist groß.

Son Xa Phen kontrolliert sein Netz, mit dem er zum Fischfang geht, auf Löcher. Das Leben im Mekong Delta ist entbehrungsreich, und die Angst vor Überflutungen ist groß.

Son Xa Phen kontrolliert sein Netz, mit dem er zum Fischfang geht, auf Löcher. Das Leben im Mekong Delta ist entbehrungsreich, und die Angst vor Überflutungen ist groß.

Anja Clemens-Smicek/Thomas L. Kelly, Bild 1 von 2

Son Xa Phen kontrolliert sein Netz, mit dem er zum Fischfang geht, auf Löcher. Das Leben im Mekong Delta ist entbehrungsreich, und die Angst vor Überflutungen ist groß.

Düsseldorf. In der Nacht hat es geregnet in Vinh Tan, einem Dorf in der südvietnamesischen Provinz Soc Trang. Das Meer hat eine bedrohlich braune Farbe angenommen. Und bedrohlich kommt es dem maroden Deich näher, der die ärmlichen Hütten auf der anderen Seite vor der Naturgewalt schützen soll.

Das weitverzweigte Mündungsgebiet des Mekong gehört zu den fruchtbarsten Gegenden Vietnams. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so erscheint. Denn die Reiskammer des Landes versinkt gerade im Schlamm.

Bis zur Hütte von Son Xa Phen sind es zwei Kilometer. Doch der Weg zu dem Bauern ist beschwerlich. Auf dem Deich geht es langsam vorwärts – die Beine bis zu den Knöcheln im Morast. Eine gefühlte Stunde für 1000 Meter.

„Mein Haus wurde zerstört, mein Hab und Gut weggeschwemmt.“

Son Xa Phen, Bauer in Vietnam

Das Meer rauscht. „Keine Angst, das Wasser kommt heute nicht über den Deich“, versichert der 49-Jährige und lächelt. Son Xa Phen muss es wissen. Der schmächtige kleine Mann lebt mit seiner Frau und den sechs Kindern seit mehr als zehn Jahren hinter dem Deich. Gut erinnert er sich an den Taifun „Linda“, der an einem düsteren Tag im November 1997 über die Küste hinwegfegte und hunderte Menschen tötete. „Mein Haus wurde zerstört, mein Hab und Gut weggeschwemmt. Aber wir leben.“ Auch heute müssen die Menschen hier um ihr Leben bangen, denn dem dicht besiedelten Flussdelta droht „Land unter“.

„Wenn der Meeresspiegel weiter ansteigt, ist die Region akut bedroht“, warnt Klaus Schmitt. Der Deutsche ist seit 2007 für die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) in Soc Trang tätig. Im Auftrag des Bundesentwicklungshilfeministeriums unterstützt die GTZ die sozialistische Regierung im Kampf gegen den Klimawandel. Ein langer Kampf, dessen Sinn sich den Bewohnern häufig nur schwer erschließt.

Vietnam wird mit am stärksten von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sein. Schon in den vergangenen 50 Jahren hat dort die jährliche Durchschnittstemperatur um 0,5 bis 0,7 Grad zugenommen, während der Meeresspiegel um zirka 20 Zentimeter angestiegen ist.

Bei einem Anstieg des Meeresspiegels um 50 Zentimeter werden 20 Prozent der Reisanbauflächen im Delta verloren gehen. Bislang haben die Klimaveränderungen zu stärkeren und häufigeren Zyklonen, Fluten und Dürren geführt.

Die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit und Entwicklung (GTZ) ist seit 1993 im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in Vietnam tätig. Der Schwerpunkt der Hilfe liegt auf der nachhaltigen Entwicklung und Berufsbildung, in der Umweltpolitik und im Bereich Gesundheit. In der Provinz Soc Trang betreut die GTZ das Mangroven-Projekt „Management natürlicher Ressourcen in der Küstenzone“.

Zum Jahresbeginn hat die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ihre Arbeit aufgenommen. Die Organisation bündelt die Kompetenzen von Deutschem Entwicklungsdienst (DED), GTZ und Inwent (Internationale Weiterbildung und Entwicklung). Die GIZ ist ein Bundesunternehmen, das weltweit in gut 130 Ländern tätig ist.

Klimawandel? Ja, sagt Son Xa Phen, davon wisse er etwas. Aber er sagt auch: „Ich baue hier Zwiebeln an. Ich kann doch nicht mit den Pflanzen umziehen, wenn die Flut kommt.“ Also lebt er in seinem neuen Haus aus Wellblech und Holz weiter mit und vom Meer. Und wartet auf die Händler, die ihm die kleinen roten Zwiebeln und seine Fische abkaufen.

Mangroven sind heute ein begehrter Brennholz-Lieferant

Umso schwieriger ist es für Klaus Schmitt, bei den Bewohnern ein Bewusstsein für den Klimaschutz zu schaffen. Er erklärt ihnen, dass die den Deichen vorgelagerten Mangrovenwälder der natürliche Schutzgürtel vor dem Meer sind. „Mangroven zählen zu den produktivsten Ökosystemen der Erde“, erzählt der 52-Jährige und blickt besorgt aufs Meer. „Aber es gibt sie kaum noch.“ Die Erosion ist für jeden sichtbar.

Warum das so ist? Weil die US-Armee im Vietnam-Krieg 40 Millionen Liter des Herbizids Agent Orange versprühte, um die Wälder zu entlauben. Weil die Mangroven begehrter Brennholz-Lieferant sind. Weil Jahr für Jahr Garnelen-Farmen aus dem Boden schießen und dafür große Flächen gerodet werden.

„Die Farmen versprechen Arbeit und Auskommen, doch die ökologischen Folgen sind fatal“, sagt Schmitt. „Die Mangroven sind die Kinderstube für Fische, sie legen dort ihren Laich ab. Werden sie zerstört, wird letztlich auch der Bevölkerung eine wichtige Einnahmequelle entzogen“, erklärt der Forstwirt.

Die Hoffnung auf ein Leben im Mekong Delta ruht auf zarten Stängeln mit etwas Grün. Doch die Wiederaufforstung ist ein langwieriger Prozess. „Die Fischer reißen die Mangrovensetzlinge mit ihren Netzen heraus“, sagt Schmitt. „Wir müssen ihnen neue Perspektiven bieten, damit sie ihre Lebensgewohnheiten ändern.“ Etwa durch Muschelzucht. „Der Gewinn kommt den Familien zugute, ein Teil fließt in den Mangrovenschutz“, erklärt der Deutsche das System. Die Dorfbewohner haben sich in einem Abkommen zur nachhaltigen Nutzung der Wälder verpflichtet. In Gruppen verwalten sie Parzellen des Waldes – Co-Management nennt sich diese Hilfe zur Selbsthilfe.

Bauern lernen, nicht mit dem Boot zum Fischen zu fahren

Bauer Son hat gelernt, dass er nur abgestorbene Mangroven als Brennholz nutzen, dass er zum Fischen nicht mit dem Boot hinausfahren darf. „Wer erwischt wird, muss sich vor der Gruppe verantworten“, sagt er. Im schlimmsten Fall müsse man seinen Fang abgeben und werde aus der Gruppe ausgeschlossen.

Son will das nicht riskieren. „Ich muss doch für meine Familie sorgen.“ Wie um seine Worte zu betonen, zeigt er auf zwei seiner Töchter, die in ihren grauen Schuluniformen und mit strahlend weißen Blusen über den braunen Deich gestapft kommen.

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