In den meisten EU-Staaten herrschen bessere Bedingungen. Zeitarbeiter erhalten dort oft gleichen Lohn wie Festangestellte.

Düsseldorf. Schlecht bezahlt, kaum abgesichert, sehr selten eine Perspektive auf eine Festanstellung: Leiharbeiter sind die Tagelöhner der neuen Arbeitswelt. Trotz des Einbruchs bei der Zeitarbeit im Zuge der Wirtschaftskrise wird die Leiharbeit nach Einschätzung der meisten Experten aber weiter an Bedeutung gewinnen. Insbesondere für schlecht ausgebildete Menschen, so die Befürworter, sei sie oft die einzige Möglichkeit, überhaupt zu arbeiten.

Eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hat sich nun mit den Arbeitsbedingungen der aktuell rund 550 000 Leiharbeiter in Deutschland beschäftigt und diese mit denen in sieben anderen westeuropäischen Staaten verglichen. Das Ergebnis: In fast allen Vergleichsstaaten sind die Bedingungen besser als in Deutschland, insbesondere bei der Bezahlung.

So gilt zum Beispiel in Frankreich, Österreich oder auch den Niederlanden der Grundsatz "gleicher Lohn für gleiche Arbeit". Dort werden - spätestens nach einer Übergangszeit von wenigen Monaten - Leiharbeitern zumeist die gleichen Gehälter gezahlt wie Festangestellten. In Frankreich gibt es zudem zwei weitere interessante Regelungen, deren Einführung nach Ansicht der Experten vom Institut Arbeit und Qualifikation der Uni Duisburg-Essen auch in Deutschland geprüft werden sollte: Als Ausgleich für die Unsicherheit ihrer Anstellung auf Zeit erhalten Leiharbeiter in Frankreich einen Zuschlag in Höhe von 10 Prozent der Lohnsumme. Zudem gibt es in allen Branchen Weiterbildungsfonds, mit denen Zeitabeiter qualifiziert werden sollen.

Forscher: Das System powert die Leute systematisch aus

Selbst in Großbritannien, dessen großer Zeitarbeitsmarkt (rund 1,4 Mio. Leiharbeiter) bis 2008 kaum reguliert wurde, werden Leiharbeiter heute oft besser bezahlt als in Deutschland. Auch hier müssen Zeitarbeiter nach drei Monaten die gleiche Bezahlung erhalten wie Festangestellte.

Der Arbeitssoziologe Klaus Dörre von der Uni Jena fordert solche Standards auch für Leiharbeit in Deutschland. In einem Interview mit sueddeutsche.de schilderte er vor allem die persönliche Situation der Zeitarbeiter. Die psychische Belastung für sie sei sehr hoch. Sie stünden permanent unter dem Druck, möglichst schneller und besser zu arbeiten als die Festangestellten, um ein Jobangebot zu erhalten. Dies erhöhe allerdings auch den Druck auf die Stammbelegschaft, so dass sich beide Gruppen einen eskalierenden Wettbewerb liefern. "Solch ein System powert die Leute systematisch aus", sagte Dörre.

Im Jahr 2007 waren 1,6 Prozent der Beschäftigten (650 000) in Deutschland Leiharbeiter. Damit lag Deutschland ungefähr im EU-Schnitt. Spitzenreiter war Großbritannien mit 5 Prozent.

Der Grundsatz der gleichen Bezahlung für Festangestellte und Leiharbeiter gilt in den meisten EU-Staaten, wird aber nicht immer durchgesetzt. In der Zeitarbeitsbranche in Deutschland gelten zwar in weiten Teilen Tarifvereinbarungen, Leiharbeiter verdienen aber oft viel weniger als Festangestellte.

Der Arbeitgeberverband BDA erklärte, Zeitarbeit sei für Geringqualifizierte vielfach die einzige Einstiegsmöglichkeit in den Arbeitsmarkt. Der erhoffte "Klebe-Effekt", also dass ein Leiharbeiter nach einiger Zeit eine Festanstellung bekommt, ist laut Soziologe Klaus Dörre jedoch "nur ein Mythos".

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