Otto Schily und Anna Lührmann streiten weiter gern über Rente und Rekordschulden.

Berlin. Den perfekten Zeitpunkt für das Aussscheiden aus dem Bundestag gibt es nicht: Da sind sich Otto Schily (SPD), mit 77 Jahren der älteste Bundestagsabgeordnete, und Anna Lührmann (Grüne), mit 26 immer noch das Küken in Berlin, einig.

Beide scheiden nun aus dem Bundestag aus. Beide wollen sich mehr Zeit für ihre Familie nehmen: Lührmann geht mit ihrem Mann und ihrer Tochter in den Sudan, um an einer Frauenuniversität zu studieren und Arabisch zu lernen.

Der frühere "rote Sheriff" Schily hofft darauf, sich um seine Olivenbäume in der Toskana kümmern zu können und mehr Zeit für seine Enkel zu haben, als er für seine Kinder hatte: "Meine Töchter haben mir manchmal Zettel geschrieben, auf denen stand: ’Papa, wann kommst du endlich zum Spielen.’ Das waren schon schmerzhafte Momente", erinnert er sich: "Als Opa bin ich hoffentlich besser."

Mit eigener Anwaltskanzlei und seiner Consultingfirma wird er wohl auch nach dem 27. September keine Langeweile haben. Auch seine Leidenschaft für politische Themen ist noch nicht erloschen: "Die Abwrackprämie war als eine Überbrückung vertretbar", sagt er.

"Das Problem wird einfach um ein paar Monate verschoben", hält Lührmann dagegen: "Der Bund verplempert dadurch Milliarden und gibt für die Verschrottung von Autos so viel aus wie für das Elterngeld und den Kinderzuschlag zusammen."

Auch beim Thema Rente streiten sich die Grüne und der Sozialdemokrat gerne weiterhin. Die im Sommer beschlossene Garantie, dass die Renten nicht sinken, selbst wenn die Löhne zurückgehen, hält Lührmann für falsch: "Das wird noch zu enormen Kosten führen, die die Arbeitnehmer schultern müssen." Schily dagegen findet die Rentengarantie "nicht besonders dramatisch. Wir haben heute ein gutes Rentensystem mit Basisrente, der Riesterrente und der Betriebsrente."

Und was sagt der alte Hase dazu, dass Küken Lührmann schon mit zehn Jahren politische Diskussionen geführt hat und mit 19 als jüngste Abgeordnete in den Bundestag einzog? "Sie kam sehr jung ins Parlament, was aber durchaus erfrischend war für die parlamentarische Arbeit." Er betont: "Man sollte aber auf der Hut sein, nicht die Kindheit zu zerstören und ein Kind nicht zu früh intellektualisieren." Deshalb sei er auch nicht dafür, das Wahlrecht zu weit herabzusetzen.

Das gescheiterte NPD-Parteiverbot sieht Schily als seinen größten Fehler

Nach seinen größten politischen Fehlern befragt, fällt Schily die Umorganisation des Bundeskriminalamtes und das Scheitern des NPD-Parteiverbots ein. Sehr stolz ist er auf die erfolgreiche Abwehr des Terrorismus. Ein bisschen Wehmut sei schon dabei, wenn er jetzt geht: "Denn bei allen Gegensätzen und notwendigem Streit in der Sache wachsen die Abgeordneten im Bundestag zu einer Art Familie zusammen." Für Anna Lührmann ist es vorerst noch kein endgültiger Abschied: "Ich hoffe, dass ich irgendwann wieder die Möglichkeit habe, in Berlin zu arbeiten."

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