Schwarz-Gelb in NRW will zurück zum Abi nach neun Jahren. Die Kritik an der von der Regierung angepeilten Planung – Umstellung erst ab 2019/20 – ist noch nicht verstummt.

Analyse
Zurück zu G 9 – so schnell wie manch einer das möchte, klappt das nicht. (dpa)

Zurück zu G 9 – so schnell wie manch einer das möchte, klappt das nicht. (dpa)

Zurück zu G 9 – so schnell wie manch einer das möchte, klappt das nicht. (dpa)

Düsseldorf. Schüler wollen am Mittwoch dem Landtagspräsidenten André Kuper Unterschriften und Plakate übergeben: Meinungsbekundungen im Namen der Aktion „G 9 jetzt in NRW“ gegen das Turbo-Abitur. Dabei, so sollte man meinen, ist die Realität doch längst über das Thema hinweggegangen. Schließlich hat die schwarz-gelbe Landesregierung mit ihrer Leitentscheidung die Rückkehr zu G 9 bereits beschlossen.

Den Elternverbänden, die die Politik ja erst dazu gebracht haben, das Turbo-Abi wieder rückgängig zu machen, geht das alles nicht schnell genug. Weil es nach den Regierungsplänen erst 2019/20 losgehen soll, würden „mehrere hunderttausend Schüler in eine G8-Geiselhaft“ genommen, so der Vorwurf.

Die Aktion „G 9 jetzt in NRW“ hatte schon vor der Landtagswahl ein Volksbegehren gestartet. Ziel: ein Gesetz, nach dem G 9 bereits für Schuljahrgänge gelten, die sich im Schuljahr 2017/2018 im fünften bis achten Schuljahrgang befinden. Ganz und gar nicht ermutigend dürfte für die Aktion die Nachricht des Landeswahlleiters von Mitte Juni gewesen sein. Da wurde zwar bescheinigt, dass 142 388 Bürger während der Auslegung der amtlichen Listen das Volksbegehren unterstützt haben. Für ein erfolgreiches Volksbegehren seien aber 1.053.619 Unterstützungsunterschriften nötig. Das entspricht den laut Gesetz notwendigen acht Prozent der stimmberechtigen Deutschen in NRW. Es fehlten also noch 911 231 Unterschriften, die bis Anfang Januar 2018 beizubringen seien.

Mal abgesehen davon, dass infolge der jetzt auch von der Politik beschlossenen Rückkehr die Mobilisierung für weitere Unterschriften schwierig sein dürfte – es stellt sich auch die Frage, wie realistisch die Zielsetzung einer früheren Einführung von G 9 ist. Ob das überhaupt machbar wäre.

Im Landtag hatte sich auch die AfD Anfang Juli zur Fürsprecherin einer schnelleren Umstellung gemacht: Rückkehr zu G 9 im Schuljahr 2018/19. Das nächste Jahr biete genügend Zeit, die früheren G 9-Lehrpläne auf den gegenwärtigen Stand zu bringen und geeignete Lehrbücher zu beschaffen.

Schulministerin warnt vor überhasteter Einführung

Nach der Leitentscheidung der Landesregierung sollen alle Gymnasien grundsätzlich ab dem Schuljahr 2019/2020 auf G 9 umgestellt werden. Daneben bleibt aber die Option G 8. Was für die einzelne Schule gelten soll, bestimmen die Schulen vor Ort: Die Schulkonferenz, also Schulleitung, Eltern und Schüler, können mit einer Zweidrittelmehrheit über den Verbleib bei G 8 entscheiden. Gibt es keinen solchen Beschluss, so gilt an der Schule ab dem Schuljahr 2019/20 wieder G 9. Betroffen Neben dem Jahrgang fünf sollen auch noch die Schüler, die im Schuljahr 2019/20 in die 6. Klasse kommen, das Abitur nach neun Jahren machen.

Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) wies das zurück. Eine so tiefgreifende Umstellung wie die Rückkehr zu G 9 müsse vernünftig vorbereitet werden. Das Schulgesetz müsse geändert werden, die Ausbildungs- und Prüfungsordnungen seien anzupassen, Verwaltungsvorschriften abzustimmen und Lehrpläne zu überarbeiten. Diese lägen, anders als die AfD behaupte, für die ganz überwiegende Mehrzahl der Fächer nicht in einer aktuellen nutzbaren Form vor. Bei all diesen Arbeitsschritten seien gesetzlich vorgegebene Beteiligungsverfahren durchzuführen und Fristen zu beachten. Gebauer: „An einer überhasteten und schlecht vorbereiteten Einführung haben weder die Betroffenen noch die Landesregierung ein Interesse.“

Auch die von der AfD geforderte generelle Rückkehr zu G 9 ohne eine entsprechende Option für ein Abitur nach acht Jahren sei der falsche Weg. Dabei werde ignoriert, dass es „einen großen bzw. nennenswerten Anteil von Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrern gibt, die G 8 durchaus positiv gegenüberstehen und die das eingesparte Jahr eben nicht als Tortur, sondern als Chance verstehen.“ Daher setze sie darauf, dass die Menschen vor Ort selbst am besten wüssten, was ihren Bedürfnissen entspricht.

Dieser Weg, das Wahlrecht vor Ort, überzeugt jedoch nicht jeden. So warnte die Landeselternschaft der Gymnasien in NRW, dass die Verlagerung der Entscheidung in jede Schule die Gymnasien erneut mit einer Strukturdebatte belastetet. Die Qualität des Gymnasiums und ihre Steuerung könne erheblich besser durch die Einführung eines flächendeckenden G 9 erreicht werden.

Solche Positionierungen, so wie auch die für heute angekündigte Aktion von „G 9 jetzt in NRW“ im Landtag, zeigen, dass das Gesetzgebungsverfahren für die neue Schulministerin noch längst nicht in trockenen Tüchern ist. Gelingt es ihr besser als ihrer Vorgängerin Sylvia Löhrmann (Grüne), die widerstreitenden Interessen einzubinden und für eine Befriedung zu sorgen?

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