Nahost-Experte Peter Philipp berichtete viele Jahre lang für deutsche Medien aus Israel. Er ist sicher: Die Hamas muss sich wandeln, damit Frieden möglich wird.

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Dunkle Wolken für Friedensaussichten in Nahost: Israelischer Soldat auf dem Turm eines Panzers.

Dunkle Wolken für Friedensaussichten in Nahost: Israelischer Soldat auf dem Turm eines Panzers.

Reuters

Dunkle Wolken für Friedensaussichten in Nahost: Israelischer Soldat auf dem Turm eines Panzers.

WZ: Herr Philipp, was will die israelische Regierung mit der Offensive im Gazastreifen erreichen?

Peter Philipp: Das ist etwas kompliziert, da sich die Erklärungen der Regierung zu ihren Zielen fast täglich ändern. Das Traumziel der israelischen Regierung ist es aber sicher, Hamas endlich loszuwerden, um es salopp zu sagen. Hamas soll entmachtet werden. Das erinnert sehr an den Feldzug gegen die Hisbollah im Libanon 2006. Auch da sollte Hisbollah entmachtet werden. Genau das Gegenteil ist passiert: Man hat einen sehr verlustreichen Krieg geführt und hat heute eine Hisbollah, die stärker ist als zuvor.

Gäbe es überhaupt eine Chance auf einen stabilen Frieden mit Hamas als Verhandlungspartner?

Philipp: Nein. Hamas ist nicht bereit, das Existenzrecht Israels anzuerkennen. Hamas ist bereit zu einer "Hudna", das ist das arabische Wort für eine lange Waffenruhe, die auch mehrere Jahre dauern kann - aber nicht zu einem Frieden. Das kann Israel natürlich nicht akzeptieren.

Das hieße, dass das Ziel der israelischen Regierung - Entmachtung der Hamas - richtig ist. Ihr bleibt ja keine andere Wahl.

Philipp: Die Frage ist, ob das so gelingt. Es ist eine Illusion zu glauben, Hamas so einfach loszuwerden. Vielleicht ist Hamas ja doch in der Lage, einmal über den eigenen Schatten zu springen, und die Konsequenzen zu ziehen, die einst Yasser Arafat gezogen hat. Er und die PLO waren genauso anti-israelisch bis ins Mark, aber sie haben gelernt, dass sie der gewaltsame Weg immer tiefer ins Elend stürzt.

Könnte dieser Gesinnungswandel durch diesen Krieg herbeigeführt werden?

Philipp: Bis jetzt sieht es nicht so aus. Man hört unterschiedliche Stimmen aus der Hamas, aber die Hardliner scheinen noch immer zu dominieren. Vielleicht muss der militärische Druck noch steigen. Aber das wäre natürlich fatal, weil darunter in erster Linie die Zivilisten leiden, die an dieser Eskalation keine Schuld tragen.

Seit Mittwoch gewährt Israel Feuerpausen und Hilfslieferungen, um der Bevölkerung die Gelegenheit zu geben, sich zu versorgen. Ist das ein Mittel, um den Rückhalt der Hamas bei den Palästinensern zu verringern?

Peter Philipp (Foto: DW/Frommann) war von 1968 bis 1991 ununterbrochen als Korrespondent im Nahen Osten unterwegs. Er berichtete unter anderem für den Deutschlandfunk und die Süddeutsche Zeitung. Sein Hauptsitz war Jerusalem, Philipp unternahm aber auch ausgedehnte Reisen in die Nachbarländer Israels sowie Afghanistan und den Iran. In dieser Zeit entwickelte er sich zu einem ausgewiesenen Experten für die Region, insbesondere für Israel und die palästinensischen Gebiete.

Seit 1993 ist Philipp bei der Deutschen Welle tätig. Der Radiosender berichtet deutschsprachig in der ganzen Welt. Als Chefkorrespondent liegt sein Fokus weiter auf dem Nahen Osten.

Philipp: Die drei Stunden allein werden dort sicher keine Meinungsänderung herbeiführen. Die palästinensische Bevölkerung leidet nun seit eineinhalb Jahren unter der massiven Blockade des Gazastreifens. Und wenn man gleichzeitig Schulen und andere zivile Einrichtungen bombardiert, macht man das wenige Positive, das man durch Hilfslieferungen erreicht, natürlich gleich wieder kaputt.

Nun sind auch Raketeneinschläge aus Nordisrael gemeldet worden, eventuell abgeschossen von der Hisbollah. Wird der Konflikt zum Flächenbrand?

Philipp: Davon gehe ich nicht aus. Vieles deutet darauf hin, dass die Raketen nicht von der Hisbollah, sondern von kleinen palästinensischen Gruppen im Libanon abgefeuert wurden. Auch die Warnungen von Hisbollah-Chef Nasrallah bezogen sich zuletzt immer nur auf harte Reaktionen, falls Israel den Libanon angreift. Er hat nicht gedroht, Israel von sich aus anzugreifen.

In der deutschen Bevölkerung scheint die Kritik am israelischen Vorgehen im Gazastreifen zu wachsen. Steckt an Kritik in Israel immer auch die Gefahr, dass sie in Antisemitismus umschlägt?

Philipp: Das glaube ich nicht. Natürlich gibt es einige Unbelehrbare, bei denen die Kritik von vornherein antisemitisch angelegt ist. Aber das ist zum Glück eine kleine Minderheit. Leider werden Kritiker Israels aber oft mit diesem Vorwurf eingeschüchtert - meistens vollkommen zu Unrecht. Die Kritik am Vorgehen der israelischen Regierung ist in Israel selbst oft viel massiver als im Ausland. Solange die Kanonen donnern, ist sie verstummt. Aber wenn dieser Krieg zu Ende ist, wird sie sicher wieder lauter. Dann stehen möglicherweise die Politiker und Kommentatoren im Ausland dumm da, die sich immer uneingeschränkt auf die Seite der israelischen Regierung geschlagen haben.

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