Küssen im Karneval erhöt die Ansteckungsgefahr nicht. Aber die vielen Menschen auf engem Raum schon.
Küssen im Karneval erhöt die Ansteckungsgefahr nicht. Aber die vielen Menschen auf engem Raum schon.

Küssen im Karneval erhöt die Ansteckungsgefahr nicht. Aber die vielen Menschen auf engem Raum schon.

dpa

Küssen im Karneval erhöt die Ansteckungsgefahr nicht. Aber die vielen Menschen auf engem Raum schon.

Düsseldorf. Karneval ist für Schnupfenviren das Paradies - genauso wie Nasentropfen, kalte Füße und die Business-Class moderner Flugzeuge. Karneval ist Schnupfenzeit. Denn Viren lieben es, wenn Menschen sich in engen Räumen treffen, wenn sie tanzen und sich berühren. Und wenn anschließend auf dem Heimweg die Füße kalt werden, dann ist der Schnupfen fast unvermeidlich.

Denn Viren lieben die Kälte - und sie lieben es, wenn ihre Opfer frieren: "Influenzaviren überleben bei 4 Grad 30 Tage, bei 30 Grad aber nur 5 Tage", sagt Gundula Jäger, klinische Virologin am Pettenkofer Institut der Uni München. Bei den Schnupfenviren dürfte es ähnlich sein. Das ist aber noch der unwichtigste Grund dafür, dass Rhinoviren - das gemeine Schnupfenvirus - und die anderen Erkältungsviren im Winter so unglaublich erfolgreich sind.

Der Hauptgrund ist die Schwäche seines Wirts, des Menschen. Und dessen Verhalten: Der sicherste Übertragungsweg für Viren sind menschlichen Hände. Gefährlich beim Tanzen. Oder beim Begrüßen. Küssen (oder kölnisch: Bützen) ist dagegen eher weniger riskant. Denn Viren können warten - etwa auf Biergläsern, Geldscheinen oder Kneipentüren. Natürlich geht es auch direkt von Hand zu Hand.

Und dann von der Hand in den Mund - oder in die Nase. Denn unwillkürlich fingert man ständig im Gesicht und an der Nase herum - und dann sind die Viren am Ziel. Ihre Eintrittspforte ist die Nasenschleimhaut. Die trockene Luft in überheizten Räumen schädigt die Nasenschleimhaut und lässt die Abwehrmauer bröckeln. Die Viren können, wenn sie erst einmal in der Nase sind, leichter eindringen.

Viele Menschen auf engem Raum - das lieben die Viren

Und die enge Zusammenballung vieler Menschen auf engem Raum garantiert die optimale Verteilung der Keime. Widerstand ist zwecklos - denn die schniefenden, offensichtlich verschnupften Menschen sind nur der sichtbare Teil der Infizierten.

"Nach dem Eisberg-Konzept sind die Schnupfenkranken nur die kleine Spitze eines größeren Eisbergs - auf jeden Kranken kommen wahrscheinlich zwei bis drei Infizierte, die überhaupt keine Symptome haben", sagt Professor Ron Eccles, Chef des britischen "Common Cold Center", der weltweit einzigen Schnupfen-Forschungsanstalt.

Warum dieser Teil der Infizierten nicht krank wird, ist nicht bekannt. Aber sie tragen die Viren weiter und infizieren andere. Was man über die Infektionswege weiß, weiß man durch heroische Freiwillige. Schon vor über 50 Jahren haben Wissenschaftler Testpersonen gequält: Minutenlanges Küssen verschnupfter Personen gehörte ebenso zum Folterwerkzeug der Forscher wie nasse Socken, Pokerspiele mit infizierten Karten und zugige Räume.

Eines der überraschenden Ergebnisse: Auch minutenlanges Küssen eines Infizierten kann den Virus nicht zuverlässig übertragen. Und warum erkälten wir uns vor allem im Winter? Für die Wissenschaft tauchten 90 Studenten ihre Füße 20 Minuten lang in kaltes Wasser. Der Versuch am Common Cold Center war ausgesprochen erfolgreich - wenige Tage später litten 13 der gequälten Studenten unter einer Erkältung. In einer gleich großen Kontrollgruppe ohne kalte Füße waren es nur fünf.

Das Kälte etwas mit Erkältung zu tun hat, ist bisher nicht bewiesen

Kommen die Erkältungsviren also über das kalte Wasser? Natürlich nicht. Aber die Kälte hat offenbar einen erheblichen Einfluss auf die Infektionswahrscheinlichkeit - eine Erkenntnis, die so alt ist wie die Menschheit, aber bisher nicht bewiesen werden konnte. Dabei ist die Theorie ganz einfach: Ist der Körper unterkühlt, dann ziehen sich Blutgefäße zusammen, um nicht zu viel Wärme nach außen abzugeben.

Das passiert auch in der Nasenschleimhaut - und sorgt dort für eine vorübergehende Schwächung der körpereigenen Abwehr. Und dann dringen die in der Luft umherschwebenden Viren in die Nasenschleimhaut ein. "Es kann aber auch sein, dass die Kälte eine Stressempfindung auslöst - und die wiederum das Immunsystem kurzfristig schwächt", sagt Gundula Jäger. Dass das Immunsystem sehr stressanfällig ist, ist bekannt.

Man sieht es schon am regelmäßigen Auftreten von Herpesbläschen an der Lippe - immer dann, wenn die im Körper wartenden Herpesviren nicht mehr unter Kontrolle gehalten werden können, brechen sie aus. Das würde auch zu der Beobachtung passen, dass der Schnupfen immer genau dann ausbricht, wenn man ihn überhaupt nicht brauchen kann: In Phasen mit viel Arbeit und wenig Muße. Kälte und Stress machen krank.

Jeder Erwachsene ist im Schnitt 1,8 mal pro Jahr erkältet

"1,8-mal bekommt ein Erwachsener im Durchschnitt pro Jahr eine Erkältung, 6-mal ein Kleinkind", sagt Jäger. Andere Studien sprechen von 2-5 Erkältungen bei Erwachsenen und 7 bis 10 bei Kindern. Das goldene Zeitalter der Schnupfenviren begann mit der modernen Luftfahrt. Hätten die Menschen die Verkehrsflugzeuge nicht erfunden, die Viren hätten es tun müssen.

Denn der moderne Flugverkehr ist ein Virenparadies - für ihre Vermehrung ist wirklich alles im optimalen Bereich: Hunderte von Menschen sitzen stundenlang auf engstem Raum beieinander. Die Erkrankten niesen und die Atemluft erreicht dabei Geschwindigkeiten von bis zu 150 Kilometer pro Stunde. Milliarden von kleinsten Flüssigkeitspaketen werden in die Luft geschossen und verteilen sich im Flugzeug.

Langsam schweben sie dann auf sämtliche Oberflächen nieder und warten auf die erste Hand, die sich ihnen entgegenstreckt. An den Fingerspitzen warten sie nun auf den ersten Schleimhautkontakt. Und der lässt nicht lange auf sich warten: Entspannte und gelangweilte Fluggäste fassen sich sehr häufig an die Nase oder reiben sich die Augen. Wer in der Nase bohrt, der hat die Viren gleich an den Ort der Vermehrung gebracht.

Flugzeuge bieten Erkältungs-Viren beste Bedingungen 

Denn sie brauchen die Zellen der Nasenschleimhaut zu Vermehrung. Und es hilft ihnen, wenn die Schleimhaut ungewöhnlich trocken ist. Und das ist sie im Flugzeug. Erstens wird zu wenig getrunken - und der häufiger konsumierte Alkohol trocknet den Körper weiter aus. Und zweitens ist die Raumluft im Flieger trocken, vor allem auf den teuren Plätzen. Flugzeuge bekommen die Frischluft nämlich aus der Umgebung - aber die hat in zehn Kilometern Höhe eine Feuchtigkeit von unter einem Prozent.

"Deshalb wird etwas verbrauchte und feuchte Raumluft zugemischt", sagt Thore Prang von Airbus. "Das führt zu einer Luftfeuchtigkeit von 15 Prozent in der Economy-Class und 10 Prozent in der Business-Class" - vorausgesetzt, die Business-Bestuhlung ist wirklich weiter auseinander. Dort wo man enger sitzt, wird auch mehr feuchte Luft abgeatmet.

Das ist zunächst schlecht für die Viren, denn eine normal feuchte Schleimhaut wehrt auch die Viren optimal ab. Allerdings müssen die Schnupfenviren in der Economy-Class auch geringere Entfernungen zurücklegen, denn der Nachbar ist nah. Der Vorteil ist damit vermutlich wieder ausgeglichen. In Boeings neuem Dreamliner soll die Kabinenluft übrigens deutlich feuchter sein, so deren Pressesprecherin. Ein kleiner Schlag gegen die Viren.

Wenn die Infektion im Flugzeug geschafft ist, können sich die Viren auf immunologisch jungfräuliche Menschen freuen. Denn obwohl es keine lebenslange Immunität gibt, ist der Körper nach einer durchgemachten Infektion doch einigermaßen gegen den Virenstamm geschützt, der ihn gerade befallen hatte. Es ist aber höchst unwahrscheinlich, dass im Reiseland die gleichen Virenstämme umlaufen, wie am Abflugort.

Ganz abgesehen davon, dass der Abflugort in einem winterlichen Schnupfenland liegen kann, das Reiseland aber im heißesten, fast schnupfenfreien Sommer. Dort treffen die Viren dann auf unvorbereitete Immunsysteme. Die Infektion ist leicht. Hat der Schnupfen durch die optimalen Bedingungen seiner Verbreitung - Flugverkehr, große Städte - zugenommen? "Wir wissen es leider nicht, da es keine Aufzeichnungen gibt, aber ich gehe schon davon aus", sagt Eccles.

Wer genug trinkt und sich die Hände wäscht ist besser geschützt

Trotzdem kann man etwas tun. Die Tipps des Schnupfenexperten aus Cardiff zur Vorbeugung sind ebenso einfach wie logisch. Da eine ausreichend feuchte Nasenschleimhaut der beste Infektionsschutz ist: Achten Sie darauf, genug zu trinken. Da die Fingerspitzen der Hände das häufigste Infektionsreservoir sind: Waschen Sie ihre Hände häufiger. Zur Not - etwa auf Reisen - reicht auch ein feuchtes Erfrischungstuch.

Da man in öffentlichen Räumen fast nicht vermeiden kann, Viren an die Hände zu bekommen: Versuchen Sie, Augen und Nase möglichst nicht mit den Fingerspitzen zu berühren. Und schließlich: Wenn Sie nach Hause kommen, waschen Sie sich einmal gründlich die Hände. Danach - in Ihrem eigenen Haus - können Sie beruhigt alles anfassen.

Weil es sowieso nicht anders geht. Die einzig vollkommen sichere Vorbeugung gegen Infektionen wäre das Eremitendasein ohne Kontakt zu Menschen - denn Tiere und Pflanzen scheiden als Überträger aus. Alle Nicht-Eremiten wird es immer wieder treffen. Und dann wird gerne zu Antibiotika gegriffen - entweder, weil der Arzt keine Ahnung hat, weil er "auf Nummer sicher gehen will" oder weil der Patient es einfach fordert.

Diese Behandlung ist allerdings schon im Ansatz falsch: Antibiotika wirken sehr gut gegen Bakterien - aber Schnupfen wird durch Viren ausgelöst, und denen machen die Antibiotika nichts aus. Dem Körper selbst aber schon: vor allem Durchfall ist die häufige Folge. Und durch häufige Einnahme von Antibiotika werden Bakterien gegen diese Waffe unempfindlich - ein Risiko für spätere, ernste Erkrankungen. Hilft Vitamin C?

Experten warnen vor Nasentropfen

Die Studien sind nicht eindeutig - allenfalls eine sehr hohe Dosis des Vitamins könnte den Verlauf der Erkrankung ein wenig verkürzen. Ein wenig. Vielleicht. Lediglich bei Extremsport oder extremer Kälte hat das Vitamin eine deutlich schützende Wirkung. Und schließlich warnen die Experten vor Nasentropfen. Zwar wirken sie schon nach wenigen Minuten - die Blutgefäße ziehen sich zusammen, die Durchblutung wird gedrosselt und die Nase ist wieder frei.

Aber die Wirkung hält nur etwa vier Stunden an. "Und danach gibt es einen Rebound-Effekt", sagt Christian Paschen, Oberarzt der HNO-Klinik der Charité in Berlin. "Die Durchblutung der Nasenschleimhaut wird sogar noch gesteigert, um den Nährstoffmangel auszugleichen. Und damit ist die Nase wieder zu."

Also wieder Tropfen. Wer aber über mehr als zwei Wochen Nasentropfen nimmt, der riskiert eine Nekrose, einen Zelltod in der Nasenschleimhaut. Wie viele Menschen davon betroffen sind, weiß auch Paschen nicht, "aber die Dunkelziffer ist sehr hoch." Er empfiehlt entweder den "Entzug" der Tropfen mit einem cortisonhaltigen Spray unter ärztlicher Aufsicht. Oder aber einen Versuch zu Hause mit Meersalzspray, möglichst ein Präparat mit Panthenol.

"Man sollte beim Entzug nach der "Ein-Loch-Methode" in einem Nasenloch für mindestens zwei bis drei Wochen nur noch Meersalzspray, nicht mehr die normalen Nasentropfen benutzen. Wenn das Nasenloch frei ist, ersetzt man die Tropfen auch auf der anderen Seite", so Paschen. Und fängt nie wieder damit an.

Saunagänge können schützen

Vorbeugend hat Gundula Jäger einen viel angenehmeren Tipp: "Bei Saunagängern scheinen die T-Zellen - ein zentraler Teil der Immunabwehr - besser stimulierbar zu sein." Also scheint wirklich etwas dran zu sein, an der Beobachtung, dass Sauna eine gute Vorbeugung gegen Erkältung ist.

Konkret: Während der tollen Tage sollten ein paar Auszeiten in der Sauna dazugehören. Aus medizinischen Gründen.

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