Heftige Schneefälle haben der französischen Mittelmeer-Metropole Marseille am Mittwoch einen Tag im Ausnahmezustand beschert.

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Ski-Vergnügen am Mittelmeer. Diesen Einwohner Marseilles freut das seltene Winterwetter.

Ski-Vergnügen am Mittelmeer. Diesen Einwohner Marseilles freut das seltene Winterwetter.

Reuters

Ski-Vergnügen am Mittelmeer. Diesen Einwohner Marseilles freut das seltene Winterwetter.

Europa. Kalt, kälter, am kältesten: Die Polarluft hat die Temperaturen in Deutschland am Mittwoch erneut sinken lassen. Den niedrigsten Wert verzeichnete das sächsische Dippoldiswalde im Erzgebirge mit minus 27,7 Grad. Vielerorts war es mit Temperaturen bis unter 20 Grad so kalt wie selten zuvor in den vergangenen Jahrzehnten.

Eiseskälte und Schnee führten erneut zu unfreiwilligen Rutschpartien auf den Straßen, die zumeist glimpflich ausgingen. Im Bahnverkehr brachte der Winter erneut die Zugfahrpläne gehörig durcheinander und stellte die Geduld der Pendler auf eine harte Probe.

Tausende kamen zur spät zur Arbeit. Auch den Binnenschiffern machte die Eiseskälte zunehmend zu schaffen. Manche Kinder konnten sich aber über das schlechte Wetter freuen, das ihnen schulfrei bescherte.

Auch in anderen europäischen Ländern war es bitterkalt. In Brüssel wurden mit minus 21 Grad die niedrigsten Temperaturen seit zehn Jahren gemeldet. In der französischen Mittelmeer-Metropole Marseille sorgten heftige Schneefälle für einen Tag im Ausnahmezustand. Der Verkehr in der Region brach teilweise zusammen, der Flughafen musste seinen Betrieb einstellen, weil die Pisten nicht vom Schnee geräumt werden konnten.

Lange Wartezeiten auch an den norditalienischen Flughäfen Mailand, Bergamo und Turin: Sie mussten stundenlang geschlossen bleiben, zahlreiche Flüge wurden gestrichen, wie italienische Medien berichteten.

Die Staatliche Eisenbahn kündigte eingeschränkten Zugverkehr und eine Verlangsamung der Schnellzüge an. Seit November wurden in Italien 190 Stunden Schneefall registriert - weit mehr als die 30 Stunden im Gesamtjahr 2007.

Im Zentrum Mailands kam ein 46-jähriger Mann um, als ein Vordach über ihm unter der Schneelast zusammenbrach. In Polen starben seit November bereits 76 Menschen an der Kälte, wie das Innenministerium am Mittwoch in Warschau mitteilte. Allein am Vortag waren sieben Kältetote gezählt worden.

In vielen Teilen Deutschlands wurden seltene Tiefsttemperaturen erreicht. In Hessen gab es in der Nacht zum Mittwoch vielerorts unter minus 20 Grad - ähnlich kalt war es dort laut Wetterdienst meteomedia zuletzt vor genau 30 Jahren gewesen.

In Altenburg (Thüringen) und in Sohland (Sachsen) sank die Temperatur auf minus 27,5 Grad. So kalt war es in der Region zuletzt vor 22 Jahren. In Baruth (Brandenburg) wurden eisige minus 26 Grad gemessen, im westfälischen Lippstadt registrierte der Deutsche Wetterdienst minus 26,5 Grad.

Der starke Frost ließ vielerorts den Straßen- und Schienenverkehr buchstäblich erstarren. Auf den Bahnstrecken in Nordrhein-Westfalen blockierten den ganzen Mittwoch über immer wieder Eisbrocken oder aufgewirbelter Schnee die Weichen.

"Die Masse der Züge fährt, aber man muss mit Verspätungen rechnen", berichtete ein Bahnsprecher am Mittag. Auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Hessen kam es zu erheblichen Behinderungen.

Viele Pendler mussten am Morgen bei beißender Kälte lange auf ihren Zug warten. Züge fielen aus oder sie verspäteten sich um bis zu 100 Minuten. Auf dem Hauptbahnhof in Halle bekamen Reisende in Richtung Leipzig Taxigutscheine, weil Züge zwischen den beiden Städten nicht mehr verkehrten.

Am Frankfurter Hauptbahnhof kam es im Fernverkehr zu Verspätungen bis zu 40 Minuten. Wegen des strengen Frosts froren nach Angaben der Bahn Türen an den Zügen ein, Weichen funktionierten nicht, Kupplungen versagten.

Auch wer mit dem Auto zur Arbeit wollte, hatte mitunter Probleme: Der ADAC-Pannendienst musste zahlreichen Autofahrern helfen. Bis zum Mittag rückten die Helfer eigenen Angaben zufolge allein in Hessen rund 800 Mal aus, um streikende Fahrzeuge zu reparieren.

Besonders häufig hätten Batterien und die Elektronik den Geist aufgegeben. "Die Kombination aus extremer Kälte und Fahrtwind hat bei vielen Dieselfahrzeugen dazu geführt, dass der Kraftstoff flockig wurde und die Düsen im Motor verstopft worden sind", erklärte eine ADAC- Sprecherin.

Schwierige Bedingungen auch für die Binnenschifffahrt. Weite Teile des deutschen Kanalnetzes sind mit Eis bedeckt, Eisbrecher sind vielerorts im Einsatz. Am Mittwoch wurden auch im Westen die ersten Schifffahrtswege gesperrt. Zwei Seitenarme des Duisburger Binnenhafens wurden dicht gemacht. In Ostdeutschland sind schon seit Tagen mehrere Gewässer unpassierbar.

Für zahlreiche Kinder war das Winterwetter allerdings ein Segen, nicht nur wegen der Gelegenheiten zum Schlittschuhlaufen oder für Schneeballschachten:

Weil die Schulbusfahrer auf den vereisten Straßen kein sicheres Vorwärtskommen hatten, fiel der Unterricht im Kreis Lüchow-Dannenberg in Niedersachsen aus. Schulfrei hatten auch mehr als 1000 Kinder im Südwesten Polens sowie viele Schüler im Norden Italiens.

Am Dienstag noch hatte das sächsische Delitzsch mit minus 26 Grad den Minus-Temperaturrekord gemeldet. Die neuesten Tiefstwerte in Ostdeutschland wurden in der Nacht zum Mittwoch meist schon vor Mitternacht gemessen.

Die Meteorologen gehen davon aus, dass es zunächst keine weiteren Minus-Rekordwerte geben wird. "Hoch Angelika sorgt zwar auch in den kommenden Tagen für winterlich kalte Temperaturen, der Höhepunkt der Kältewelle wurde aber mit dem heutigen Tag erreicht", sagte meteomedia-Meteorologe Andreas Meingassner.

In den Niederlanden freut man sich indes auf den Elfstedentocht - den härtesten Schlittschuh-Marathon der Welt über zugefrorene Grachten, Flüsse und Seen durch elf Städte der Provinz Friesland.

Wenn der Wettkampf stattfindet, den vor 100 Jahren ein paar abenteuerlustige Friesen aus der Taufe hoben, schaut das ganze Königreich zu. In diesem Winter scheinen die Chancen nicht schlecht zu stehen, dass die 200 Kilometer lange Strecke, die in der alten Friesen-Metropole Leeuwarden beginnt und endet, endlich wieder durchfriert.

Je tiefer das Quecksilber, desto höher schlagen die Herzen der Holländer. 15 Zentimeter muss das Eis nach den Regeln der Vereinigung "De Friesische Elf Steden" mindestens dick sein.

Immerhin soll es 16 000 Läufer tragen. Unter ihnen wäre vermutlich auch wieder der prominenteste Amateursportler des Landes - der künftige König. Kronprinz Willem-Alexander (41) hatte die Tour 1986 mitgemacht - unter dem Pseudonym W.A. van Buren.

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