Vor 150 Jahren erblickte der spätere Kaiser das Licht der Welt. Seine Ära steht für Wohlstand – und für Größenwahn.

Der letzte deutsche Kaiser: Wilhelm II. dankte 1918 ab.
Der letzte deutsche Kaiser: Wilhelm II. dankte 1918 ab.

Der letzte deutsche Kaiser: Wilhelm II. dankte 1918 ab.

dpa

Der letzte deutsche Kaiser: Wilhelm II. dankte 1918 ab.

Hamburg. 101 Kanonenschüsse begrüßten vor 150 Jahren, am 27. Januar 1859, in Berlin die Geburt eines Jungen im Kronprinzenpalais Unter den Linden. Die Mutter war die 19 Jahre alte englische Prinzessin Victoria, die ein Jahr vorher in London die Ehe mit Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen eingegangen war. Tausende strömten am Palais zusammen und bejubelten die Geburt eines Thronerben.

29 Jahre später, 1888, bestieg dieser älteste Sohn des Paares als Wilhelm II. den Kaiserthron des inzwischen gegründeten Deutschen Reichs. Er folgte damit den im gleichen Jahr gestorbenen Wilhelm I. und Friedrich III., seinem Vater, der nur 99 Tage Kaiser gewesen war.

Die folgenden Jahre bis zum Ausbruch des Weltkriegs 1914 galt Deutschland unter den europäischen Mächten als eine sich besonders kraftvoll entwickelnde, aufstrebende Nation - politisch, wirtschaftlich, militärisch, auch in Technik und Wissenschaften. Der Rechtsstaat wurde gefestigt. Die Entwicklung zu einer parlamentarischen Demokratie kam voran. Der Wohlstand wuchs.

Trotz alledem ist die Kennzeichnung "Wilhelminische Epoche" zwiespältig und vieldeutig. Der Begriff "Wilhelminismus" steht nachträglich auch für Anmaßung, hohlen Glanz, tönendes Großmachtgehabe und Militarismus. Schon von Zeitgenossen gab es radikale Kritik.

Das Maß an Verachtung, welches Deutschland entgegengebracht werde, schrieb 1906 der Sozialwissenschaftler Max Weber, "weil wir uns dieses Regime dieses Mannes gefallen lassen, ist nachgerade ein Machtfaktor von erstklassiger ,machtpolitischer’ Bedeutung geworden".

1859 Friedrich Wilhelm, der spätere Wilhelm II., wird am 27.Januar als erstes Kind des späteren Kaisers Friedrich III. und Prinzessin Victoria in Berlin geboren. Als Folge einer Steißgeburt bleibt sein Arm zeitlebens gelähmt und deutlich verkürzt. Er erlebt seine Kindheit unter der Erziehung des Calvinisten Georg Hinzpeter als "recht unglücklich".

1877-1879 Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Bonn.

1881 Wilhelm heiratet Prinzessin Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein. Das Paar bekommt sechs Jungen und ein Mädchen.

1888 Nach dem Tod des Vaters, der nur etwa drei Monate regiert hat, wird Wilhelm II. am 15. Juni Deutscher Kaiser und König von Preußen.

1890 Aufgrund innenpolitischer Differenzen und eigener machtpolitischer Ambitionen veranlasst der Monarch Reichskanzler Otto von Bismarck zum Rücktritt.

1914 Beginn des Ersten Weltkriegs Anfang August. In den folgenden Kriegsjahren übernimmt die oberste Heeresleitung, die Generäle Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, zunehmend die militärische und politische Leitung des Reiches. Wilhelm II. wird auf das politische Abstellgleis geschoben.

1918 Nach der Niederlage Deutschlands verkündet Reichskanzler Prinz Max von Baden am 9.November eigenmächtig die Abdankung Wilhelms. Dieser flieht in die Niederlande und dankt am 28.November offiziell ab.

1941 Wilhelm II. stirbt am 4. Juni mit 82 Jahren in Doorn. Er wird in einem Mausoleum im Park seines Wohnsitzes beigesetzt.

Unter den Männern an der Spitze des 75 Jahre währenden Deutschen Reichs ist Wilhelm II. jedenfalls bis in die Gegenwart von besonderem internationalen Interesse. Nur über Adolf Hitler ist mehr geschrieben worden als über ihn. Neben der Frage seiner Mitverantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist dieses Interesse vor allem bedingt durch sein schillernd-exzentrisches Wesen, sein Auftreten und die Widersprüchlichkeiten seiner Persönlichkeit.

"Zum Repräsentanten taugt er, sonst kann er nichts. Er hätte Maschinenschlosser werden sollen."

Georg Hinzpeter, Erzieher des späteren Kaisers, über Wilhelm II.

Die Historikerzunft beurteilt ihn vorwiegend negativ. Heinrich August Winkler charakterisierte ihn vor einigen Jahren als "vielseitig begabt, aber oberflächlich, ein prunkliebender, eitler Schwadroneur, der immer Unsicherheit und eine körperliche Schwäche, den von Geburt an verkrüppelten linken Arm, durch markige Reden auszugleichen versuchte". Wolfgang J. Mommsen machte immerhin geltend, dass "die Deutschen den Kaiser hatten, den sie - ungeachtet aller Probleme - haben wollten", und dass er populär gewesen sei.

Dem Briten Christopher Clark ist der "spöttische, verunglimpfende, ja sogar verteufelnde Tonfall vieler historiographischer Kommentare" zu Wilhelm zuwider. In seinem um Ausgewogenheit bemühten Buch "Kaiser Wilhelm II." (deutsche Ausgabe 2008) beschreibt er ihn als komplexe Persönlichkeit, einen intelligenten Menschen, keineswegs unbedeutend, jedoch mit einem schlechten Urteilsvermögen, der zu taktlosen Ausbrüchen und kurzlebigen Begeisterungen tendierte, eine ängstliche, zu Panik neigende Gestalt, unfähig ein eigenes konzises Programm durchzuhalten.

Zu seiner Rolle in der internationalen sogenannten Julikrise 1914 schreibt Clark, er habe Deutschland zwar nicht in einen kontinentalen Krieg verwickeln wollen, doch einige der Entscheidungen getroffen, die ihn herbeiführten. Vom Kaiser Franz Joseph und Zar Nikolaus könne man das gleiche sagen.

Am Ende des verlorenen Kriegs 1918 entschloss sich Wilhelm II. zur Abdankung und ging ins Exil in die Niederlande. Nach einer kurzen Zeit im Kastell Amerongen in der Provinz Utrecht lebte er bis zu seinem Tod am 4.Juni 1941 im Haus Doorn in der gleichen Provinz.

Große Freude hatte ihm im Jahr zuvor der siegreiche deutsche Feldzug in Frankreich bereitet, auf dessen Boden seine Armeen einst gescheitert waren. Er gratulierte Hitler in einem Telegramm "zu dem von Gott geschenkten gewaltigen Sieg". Über seinen Tod berichteten deutsche Zeitungen gemäß offizieller Verfügung des NS-Staates nur auf der unteren Hälfte der ersten Seite.

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