JVA-Leiterin spricht von einer „hochkriminellen Handlung“.

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Aachens JVA-Chefin Reina Blikslager sieht im Stellenabbau kein Sicherheitsrisiko.

Aachens JVA-Chefin Reina Blikslager sieht im Stellenabbau kein Sicherheitsrisiko.

dpa

Aachens JVA-Chefin Reina Blikslager sieht im Stellenabbau kein Sicherheitsrisiko.

Aachen. Hintergrund der mutmaßlichen Fluchthilfe für zwei Schwerverbrecher in Aachen ist eventuell Erpressung oder Bestechung. Der 40-jährige Justizbedienstete war am Freitag festgenommen worden, am Samstag erging Haftbefehl. "Möglicherweise ist er erpresst worden, möglicherweise hat er sich bestechen lassen. Das wissen wir noch nicht", sagte am Montag die Leiterin der Justizvollzugsanstalt (JVA), Reina Blikslager.

Nach Angaben des Düsseldorfer Justizministeriums hatte der Tatverdächtige vorübergehend an der Pforte ausgeholfen während der regulär eingeteilte Pförtner eine Kontrollfahrt machte. Der 40-Jährige habe die beiden Schwerverbrecher aus dem Gefängnistrakt mit zur Pforte genommen, sagte eine Sprecherin. Dort habe er ihnen aus der Pförtnerloge heraus die beiden Dienstwaffen übergeben.

Jeder Beamte hat laut Blikslager einen sogenannten Durchgangsschlüssel, damit er sich frei in der Anstalt bis zur Schleuse bewegen kann. "Und hier ist es ja offenbar auch so passiert, dass der Beamte die Gefangenen durchgeschlossen hat bis zur Schleuse", sagte Blikslager. Ein anderes Schließsystem könne sie sich aber derzeit nicht vorstellen.

Ein Stellenabbau in den Vollzugsanstalten, wie ihn unter anderem der Bund der Justizvollzugsbediensteten seit längerem beklagt, erhöht ihrer Ansicht nach das Ausbruchsrisiko nicht. "Die Stellenstreichung hat keine Auswirkungen auf die Sicherheit unmittelbar", betonte sie. Man müsse den Dienstplan dem Personal anpassen. Es werde sehr sorgfältig geprüft, wo Stellen wegfallen könnten, ohne die Sicherheit zu gefährden. Zum Zeitpunkt der Flucht waren nach Ministeriumsangaben in der JVA 42Vollzugsbeamte im Dienst. Das seien sogar zwei mehr als vorgeschrieben.

Gefängnispforte in Aachen war nur mit einem Mann besetzt

Der Vorsitzende des Bundes der Justizvollzugsbediensteten, Klaus Jäkel, erklärte gegenüber unserer Zeitung, es sei nichts Ungewöhnliches, dass wie bei der Flucht die Pforte der JVA Aachen nur mit einem Mann besetzt war: "Das ist eine normale Situation. Nachts reicht das aus. Jetzt gehörten allerdings alle Sicherheitssysteme und -standards auf den Prüfstand. "Nach der Sache muss man jetzt überlegen, ob man alles richtig macht", sagte Jäkel.

Zu den möglichen Motiven des inhaftierten Fluchthelfers wollte sich Jäkel nicht äußern. "Ich habe keinerlei Hinweise darauf, dass der Mann, den ich zudem nicht persönlich kenne, irgendwie erpresst wurde." Aus der Tatsache, dass sich der 40-jährige dreifache Familienvater unlängst ein Haus bei Geilenkirchen gekauft hatte, könne man jedoch auch nicht auf eine Bestechung schließen. Jäkel: "Soweit ich weiß, hat der Mann neben seiner Arbeit noch als Elektriker gearbeitet - man muss da einfach die weiteren Ermittlungen abwarten."

Unterdessen entlädt sich in verschiedenen Internet-Foren der geballte Frust von JVA-Bediensteten. Die Heftigkeit der Aussagen überrascht selbst den erfahrenen Gewerkschafter Jäkel. In vielen Beiträgen werden die Folgen der "löchrigen Personaldecke" angeprangert. "Die regelmäßigen Zwölf-Tage-Schichten, alleine mit teilweise 50 Gefangenen und die permanente Angst vor Übergriffen höhlen nervlich über die Jahre komplett aus", heißt es in einem Beitrag. Alles werde auf das Vollzugspersonal abgeschoben schrieb ein anderer. "Selbst junge Bedienstete klagen schon über Burn Out."

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