Beim Aufräumen findet der Schwede Torkel Wächter einen Stapel Postkarten. Sie offenbaren ihm die Geschichte seiner deutsch-jüdischen Familie. Er hat daraus ein Buch gemacht.

Torkel Wächter ist ein schwedischer Schriftsteller. Er hat vor ein paar Jahren von seinen deutschen Wurzeln erfahren.
Torkel Wächter ist ein schwedischer Schriftsteller. Er hat vor ein paar Jahren von seinen deutschen Wurzeln erfahren.

Torkel Wächter ist ein schwedischer Schriftsteller. Er hat vor ein paar Jahren von seinen deutschen Wurzeln erfahren.

Die Großeltern von Torkel Wächter, Minna und Gustav Wächter, schrieben 1940 und 1941 aus Nazi-Deutschland 32 Postkarten nach Schweden. 1941 kam das jüdische Ehepaar im KZ um.

Alle Postkarten sind in Sütterlin verfasst – für die Nachkommen eine Herausforderung.

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JUREK HOLZER, Bild 1 von 4

Torkel Wächter ist ein schwedischer Schriftsteller. Er hat vor ein paar Jahren von seinen deutschen Wurzeln erfahren.

Düsseldorf. „Ich hoffe immer noch, dass wir alle wieder mal zusammen sein werden.“ Diese Zeilen schreiben Minna und Gustav Wächter am 9. Mai 1940 auf eine Postkarte an ihren Sohn. Der Wunsch sollte nie in Erfüllung gehen: Bevor es zu einem Wiedersehen kommt, sterben die beiden 1941 im Konzentrationslager Jungfernhof bei Riga.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später findet Torkel Wächter in Stockholm die in Sütterlin geschriebene Postkarte in einem Karton mit 31 weiteren – die meisten abgestempelt in Hamburg. „Sie lagen auf dem Dachboden meines Vaters. Er war Jahre zuvor gestorben, doch erst dann habe ich die Kraft gefunden, seine Sachen durchzusehen“, sagt der Schriftsteller. Der Fund offenbarte ihm eine Familiengeschichte, von der er nichts ahnte – seine Geschichte, eine jüdische Familiengeschichte in Nazi-Deutschland.

„Ich habe zunächst gar nicht lesen können, was auf den Karten steht“, erinnert sich Wächter. Und auch der Adressat Walter Wächter war ihm unbekannt. Erst durch seine Recherchen wurde ihm klar, dass es sich bei „Walter“ um seinen Vater handeln musste – den kannte er bis dato nur unter dem Vornamen Michaël.

„Ich habe gefühlt, dass ich mit Vorsicht vorgehen muss.“
Torkel Wächter, Schriftsteller

Mehrere Jahre sollte es dauern, bis Torkel Wächter die tragische Geschichte seiner Vorfahren rekonstruiert hatte. „Ich musste Deutsch lernen, habe viel in Archiven in Deutschland geforscht und mit Zeitzeugen gesprochen.“

Sein Vater, der Jude Michaël alias Walter Wächter, war kurz nach der Reichspogromnacht 1938 aus Deutschland geflohen. Fast drei Jahre lang hatte er bereits im Zuchthaus gesessen. „Das muss für ihn eine ganz schreckliche Zeit gewesen sein. Er wurde misshandelt, ihm wurden zum Beispiel die Zähne ausgeschlagen“, berichtet Wächter von dem, was er anhand der Karten herausfinden konnte.

Postkarten in Sütterlin, Übersetzungen und Kommentare erzählen die Geschichte der deutsch-jüdischen Familie Wächter aus Hamburg – beklemmend und erbarmungslos nah dran.

„32 Postkarten. Post aus Nazi-Deutschland“ von Torkel Wächter; Acabus Verlag, 180 Seiten, 14,90 Euro

In den folgenden zwei Jahren sollte der Vater eine dramatische Flucht quer durch Europa bewältigen, die schließlich in Schweden ein Ende fand. Dort konnte er ein neues Leben beginnen, lernte seine Frau kennen, bekam Kinder. Über seine Vergangenheit verlor er nie wieder ein Wort.

Für eine Flucht der Eltern war es bereits zu spät

Warum sind Minna und Gustav Walter nicht ebenfalls aus Deutschland geflohen? „Diese Frage ist auch nach meinen Recherchen nicht ganz einfach zu beantworten. Mein Vater hatte noch zwei Brüder samt Ehefrauen und Kindern. Wahrscheinlich wollten sie die Familie nicht verlassen. Irgendwann war es dann zu spät“, sagt Wächter. Die Geschwister seines Vaters haben überlebt. Sie sind später unter anderem nach Argentinien ausgewandert.

Über viele Umwege hat Torkel Wächter inzwischen Familienmitglieder in Großbritannien und Australien gefunden. Nicht zuletzt durch sein Projekt: „Als ich die Karten gefunden habe, habe ich gefühlt, dass ich mit großer Vorsicht vorgehen muss. Aber auch, dass es ein Teil der Geschichte ist, die ich öffentlich machen muss.“ So hat er „32 Postkarten“ ins Leben gerufen.

Er veröffentlichte die Karten im Netz

In simulierter Echtzeit hat er im Internet den Dachbodenfund samt Übersetzung und Kommentaren veröffentlicht – jeweils genau 70 Jahre, nachdem die Karten abgeschickt worden sind. „Zunächst hatte ich Angst vor negativen Kommentaren. Doch ich habe nur positive Erfahrungen gemacht“, sagt er. So hat er ehemalige Schulkameraden seines Vaters, aber auch zahlreiche ähnliche Lebensgeschichten kennengelernt.

Und schließlich hat sich sogar ein Verlag bei ihm gemeldet, der aus dem Projekt ein Buch machen wollte: „32 Postkarten“ ist jetzt erschienen. „Für mich ist das etwas ganz Besonderes. Ein weiterer Schritt, der großen Verantwortung nachzukommen, die mir mit dem Dachbodenfund zugefallen ist.“

Im April geht er mit dem Buch auf Lesereise. „Früher stand ich Deutschland skeptisch gegenüber, doch durch meine vielen Aufenthalte habe ich es schätzen gelernt. Ich mag Deutschland, trotz der Vergangenheit.“

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