Der Begriff verdreht laut Jury Ursache und Wirkung der Krise.

Frankfurt. Das Unwort des Jahres 2008 heißt "notleidende Banken". Der Begriff stelle "das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise auf den Kopf", sagte Horst Dieter Schlosser, Sprecher der Jury, die aus Sprachwissenschaftlern besteht. "Während die Volkswirtschaften in Bedrängnis geraten und die Steuerzahler Milliardenkredite mittragen müssen, werden die Banken mit ihrer Finanzpolitik, durch die die Krise verursacht wurde, zu Opfern stilisiert."

Die Entscheidung der Jury stieß weitgehend auf Zustimmung. Imre Török vom Verband Deutscher Schriftsteller nannte die Wahl "treffend". Professor Bruno Strecker vom Institut für deutsche Sprache sagte, das Unwort könne verdeutlichen, "wie gedankenlos daher geredet wird, weil gar nicht mehr der Blick auf die gerichtet ist, die wirklich in Not sind." Der Bundesverband deutscher Banken wollte zum Unwort nichts sagen. Auch bei der Deutschen Bank hieß es: "Kein Kommentar".

Die Jury kritisierte außerdem die Formulierungen "Rentnerdemokratie" und "Karlsruhe-Touristen". Von "Rentnerdemokratie" hatte Altbundespräsident Roman Herzog im Zusammenhang mit der Rentenerhöhung gesprochen. Als die Renten um ganze 1,1 Prozent erhöht werden sollten, habe Herzog, "selbst Bezieher satter Altersbezüge, das Schreckbild eines Staats, einer Rentnerdemokratie", gemalt, in der "die Alten die Jungen ausplündern".

Mit "Karlsruhe-Touristen" habe der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, die Politiker Gerhart Baum und Burkhard Hirsch diffamiert, weil sie wegen Zweifeln an der Verfassungsmäßigkeit von Gesetzen erneut beim Bundesverfassungsgericht klagen wollten. Diese zeige ein "bedenkliches Verständnis der Grundrechte".

Als Unworte werden sprachliche Missgriffe gerügt, die sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen. Am häufigsten aus der Bevölkerung vorgeschlagen wurde der Begriff "Nacktscanner".

2007: Herdprämie 2006: Freiwillige Ausreise 2005: Entlassungsproduktivität 2004: Humankapital 2003: Tätervolk 2002: Ich-AG 2001: Gotteskrieger

Ende 2008 hatte die Gesellschaft für Deutsche Sprache bereits das Wort des Jahres gekürt: "Finanzkrise". Dieses Wort habe die öffentliche Diskussion wie kein anderes bestimmt, sagte die Jury.

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