Die Psyche von Managern und Bankern ist angeknackst. Ihre Ansprüche sind es nicht.

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Antrag auf Berufsunfähigkeit: Finanzberater Klaus P. will sich dem Stress nicht wieder aussetzen.

Antrag auf Berufsunfähigkeit: Finanzberater Klaus P. will sich dem Stress nicht wieder aussetzen.

Doro Siewert

Antrag auf Berufsunfähigkeit: Finanzberater Klaus P. will sich dem Stress nicht wieder aussetzen.

Leichlingen. Als die Finanzkrise kam, kam auch der Schlaganfall. 41 Jahre war Klaus P. (Name geändert) Banker, zuletzt als selbstständiger Berater für Kapitalanlagen. Dann der körperliche Warnschuss - und in der Folge die psychischen Begleiterscheinungen: wachsende Aggressivität, auch gegen die eigene Familie, dann wieder Antriebslosigkeit, Konzentrationsschwächen und depressive Phasen. Seit gut sieben Wochen kuriert er seine Seele im Bergischen.

Die psychosomatische Klinik Wersbach liegt idyllisch an der Grenze zwischen Leichlingen und Burscheid. In der gepflegten Außenanlage sprudelt ein Springbrunnen, in den vergangenen Jahren ist schon viel investiert worden in Service und Ausstattung. Der Tagessatz liegt zwischen 300 und 400 Euro.

Klaus P. hat sich das 60-Betten-Haus wegen des familiären Charakters ausgesucht. Mit der psychotherapeutischen Behandlung ist der 59-Jährige zufrieden. Aber über den Komfort sagt er: "Es könnte besser sein."

Das beste Zimmer der Klinik war noch zu klein

Eine Erfahrung, die Chefarzt Christoph Florange schon mehrfach gemacht hat. Einmal sah sich ein Unternehmer mit Fahrer und Ehefrau um. "Seine Firmen hatte er über Aktien finanziert und dabei Millionen verloren." Haus und Hof standen zum Verkauf, der Mann vor dem Ruin. Aber selbst das beste Zimmer der Klinik war ihm noch zu klein. Er reiste wieder ab.

Die Wucht der Krise hinterlässt ihre Spuren auch in den Seelen der Manager und Banker. Burnout, Depression bis hin zu Selbstmordgedanken. "Seit Herbst 2008 sind wir ausgebucht", sagt Klinik-Geschäftsführer Kurt Lammert. Nicht nur mit denen von ganz oben, die hoch gepokert und hoch verloren haben. Auch die mittlere Führungsebene kommt, geplagt von Sorgen um den Arbeitsplatz und die eigene Zukunft.

1995 wurde die Fachklinik für psychosomatische Dermatologie und Psychotherapie gegründet. Zwei Jahre später stand sie wegen zum Teil nur 20-prozentiger Bettenauslastung schon wieder vor dem Aus.

Zum Jahreswechsel 1997/1998 übernahm Investor Kurt Lammert das defizitäre Haus und krempelte es komplett um. Die Bettenzahl wurde reduziert, Ausrichtung und Wirtschaftlichkeit kontinuierlich verbessert.

In diesem Jahr soll der Umsatz der psychosomatischen Klinik nach Angaben der Geschäftsführung sechs Millionen Euro erreichen. "In den vergangenen drei Jahren haben wir unseren Umsatz verdoppelt und den Gewinn verdreifacht", sagt Kurt Lammert.

In der Klinik arbeiten rund 30 Mitarbeiter, darunter acht Fachärzte und acht Psychologen.

Die Wirtschaftsmanager werfen das Trugbild von der ewigen Leistungsfähigkeit über Bord. Psychotherapie ist auch bei Männern salonfähig geworden. Früher lag das Patientenverhältnis der Klinik bei 80:20 zugunsten der Frauen. Inzwischen ist es ausgeglichen. Aber mit den neuen Kunden wachsen auch neue Ansprüche.

Die Privatklinik will jetzt reagieren. Mit einem finanziellen Gesamtaufwand von rund 5,5 Millionen Euro wird im nahen Burscheid bis zum kommenden Frühjahr ein ehemaliger Rittersitz zur Edeldependance der Klinik ausgebaut.

Möglich macht das - Ironie der Krise - der Therapieboom bei den Vermögenden. Hotel- statt Klinikcharakter, 15 exklusive Zimmer und ein gehobenes Restaurant mit Weinkeller sollen das richtige Ambiente für die Pflege der Luxusseelen bilden.

Auch ihr Therapieangebot passt die Klinik den gewandelten Bedürfnissen an. Ein wochenlanger völliger Ausstieg wird nicht mehr automatisch verlangt. Denn viele Manager haben Angst um ihren Job, wenn sie zu lange ausfallen. Oder sie wollen nach außen die Fassade aufrechterhalten und opfern lieber ihren Urlaub für den Klinikaufenthalt. Also gibt es verstärkt Kurzzeittherapien, zum Beispiel über verlängerte Wochenenden.

Klaus P. aber will das Spiel nicht länger mitspielen. Das Beste an seiner Krankheit, sagt er, sei der Zeitpunkt ihres Eintretens gewesen - als die Finanzmärkte noch nicht völlig zusammengebrochen waren. Die Verluste seiner Kunden seien hoch, aber zumindest nicht existenzbedrohend gewesen. "Manches muss er auch für sich verleugnen und verdrängen", ist Psychiater Florange überzeugt.

Noch eine Woche, dann soll Klaus P. entlassen werden. In Absprache mit seinem Arzt wird er Berufsunfähigkeit beantragen.

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