Auf Überlebende hoffen die Helfer nicht mehr, es geht vor allem um das Bergen der vermutlich zehntausenden Leichen.

Soldaten der japanischen Armee retten in der Präfektur Miyagi einen alten Mann per Hubschrauber.
Soldaten der japanischen Armee retten in der Präfektur Miyagi einen alten Mann per Hubschrauber.

Soldaten der japanischen Armee retten in der Präfektur Miyagi einen alten Mann per Hubschrauber.

So sieht es derzeit in der Millionenstadt Sendai aus: Die Straßen sind mit Schlamm, Trümmern und angeschwemmten Gerümpel übersäht.

Japan Self Defense Forces Handou, Bild 1 von 2

Soldaten der japanischen Armee retten in der Präfektur Miyagi einen alten Mann per Hubschrauber.

Tokio. Schlamm und Trümmer, soweit das Auge reicht. Wo einst Städte und Dörfer an der Nordostküste Japans standen, haben das verheerende Erdbeben und der Tsunami alles dem Erdboden gleich gemacht. Tausende Helfer durchsuchen Ruinen und Schutthaufen – doch auf Überlebende hoffen sie nicht mehr, es geht vor allem um das Bergen von Leichen. Deren Zahl könnte mehr als zehntausend erreichen.

„Vor unseren Augen wurden der Hausbesitzer und seine Tochter weggespült.“

Augenzeugin in Kensennuma

„Ich habe versucht, mich mit meinem Mann zu retten“, berichtet eine alte Frau aus dem Ort Kesennuma im Norden der Präfektur Miyagi. „Aber das Wasser stieg schnell und zwang uns, in den zweiten Stock eines Hauses zu fliehen, deren Bewohner wir nicht kannten“, sagt die Überlebende unter Tränen. Doch das Wasser stieg immer weiter: „Vor unseren Augen wurden der Hausbesitzer und seine Tochter weggespült. Wir konnten einfach nichts machen.“

Von mehr als 17.000 Einwohnern einer Stadt wird die Hälfte vermisst

Das Hafenstädtchen Minamisanriku ist fast völlig zerstört. Mehr als die Hälfte der 17.500 Einwohner werden vermisst. Die anderen wurden evakuiert. Nur das Krankenhaus und einige wenige andere Häuser stehen noch. Wer Glück hatte, für den heulten die Warnsirenen rechtzeitig.

In der Küstenstadt Minamisoma drang die Flutwelle bis zu zwei Kilometer tief vor. Abgesehen vom Zwitschern der Vögel herrscht nun unheimliche Stille. Überall liegen Trümmer von Holzhäusern und von den Naturgewalten zerschmetterte Autos herum. Die Tsunami-Welle riss Autos wie Spielzeug weg, warf Lastwagen um und spülte Schiffscontainer aus den Häfen. Reisfelder sind übersät von Müllbergen.

Die ganze Region gleicht einem Schlachtfeld: In Sendai, der größten Stadt der Region, ziehen Feuerwehrleute Tote aus Haufen von Holz und Schutt. Die Leichen werden in grüne Säcke gepackt und auf Lieferwagen geladen.

100.000 Soldaten sind für die Bergungsarbeiten abkommandiert

Die deutschen Behörden haben noch keinen Kontakt zu etwa der Hälfte der rund 100 Deutschen aufnehmen können, die in der von der Katastrophe betroffenen Region leben. Es sei aber noch unklar, ob sich die Deutschen zum Zeitpunkt des Erdbebens und des anschließenden Tsunamis überhaupt in der Region aufgehalten hätten, sagte Außenminister Guido Westerwelle (FDP). Nach wie vor gebe es keine Hinweise, dass sich unter den womöglich tausenden Opfern Deutsche befänden, sagte Westerwelle. Insgesamt leben rund 5.000 Deutsche in Japan.


Papst Benedikt XVI. hat den Menschen in Japan sein Mitgefühl ausgesprochen. Er wolle den Japanern, die den Folgen der Katastrophen „mit Würde und Mut“ begegneten, erneut seine „spirituelle Nähe“ bezeugen, sagte der Papst am Sonntag beim Angelusgebet. Er bete für die Opfer und ihre Familien und alle, die unter den „unglaublichen Ereignissen“ litten.

Österreich fordert einen Stresstest für Atomkraftwerke in Europa. Umweltminister Nikolaus Berlakovich (ÖVP) sagte, er werde das Thema am Montag beim Treffen der EU-Umweltminister in Brüssel zur Sprache bringen. EU-Energiekommissar Günther Oettinger will kommende Woche eine Krisensitzung zur Nuklearsicherheit abhalten.

Der Schaden durch das Erdbeben wird Versicherer nach Einschätzung von Experten bis zu 34,6 Milliarden Dollar (25,1 Milliarden Euro) kosten. Die versicherten Schäden allein an Privatgebäuden lägen bei mindestens 14,5 Milliarden Dollar, teilte die US-Risikoanalysegesellschaft AIR Worldwide mit.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat der japanischen Regierung vorgeworfen, entscheidende Informationen zu dem schweren Atomunfall zu verschweigen und so die Menschen massiv zu gefährden. Energie-Experte Christoph von Lieven sagte, die Atomkraftwerke seien abgesperrt, es gebe keine unabhängigen Messungen der ausgetretenen Radioaktivität und keine Berichte der Regierung und der Betreibergesellschaft, denen man trauen könne.

Immer wieder treffen Meldungen von der Küste ein, wonach Helfer hunderte Opfer finden, für die jede Hilfe zu spät kommt. Die Armee hat 100.000 Soldaten für Hilfs- und Bergungsarbeiten abgestellt. Hunderte Schiffe, Flugzeuge und Fahrzeuge verbündeter Nationen sind auf dem Weg an die betroffene Pazifikküste.

Im Krankenhaus von Sendai sorgen sich die Ärzte um knapp werdende Wasser- und Essensvorräte. Schon am Montag könnten die Lebensmittel ausgehen, warnen sie. Zahlreiche Bewohner der Stadt haben schon jetzt weder Trinkwasser noch Strom. Vielerorts machen die Menschen Hamstereinkäufe.

„Ich warte seit über vier Stunden, und ich habe immer noch nicht meinen Tank aufgefüllt.“

Sayuri Aizawa an einer Tankstelle

An den Tankstellen, die geöffnet haben, bilden sich lange Schlangen. „Ich warte seit über vier Stunden, und ich habe immer noch nicht meinen Tank aufgefüllt“, sagt die 64-jährige Sayuri Aizawa. Sie ist auf den Treibstoff angewiesen: Seit die Wassermassen ihr Haus mitrissen, schläft und lebt sie im Auto.

Und die nächste Katastrophe kündigt sich bereits an: am Sonntag erklärte die Wetterbehörde, es werde ein weiteres gewaltiges Erdbeben für die kommenden Tage befürchtet.

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