Germanwings A320 abgestürzt - Haltern am See
Klare Botschaft an Journalisten: Das Joseph-König-Gymnasium in Haltern am See wehrt sich gegen Exzesse in der Berichterstattung. 16 Schüler und zwei Lehrerinnen der Schule saßen in der Germanwings-Maschine, die am Dienstag abgestürzt ist.

Klare Botschaft an Journalisten: Das Joseph-König-Gymnasium in Haltern am See wehrt sich gegen Exzesse in der Berichterstattung. 16 Schüler und zwei Lehrerinnen der Schule saßen in der Germanwings-Maschine, die am Dienstag abgestürzt ist.

Rolf Vennenbernd

Klare Botschaft an Journalisten: Das Joseph-König-Gymnasium in Haltern am See wehrt sich gegen Exzesse in der Berichterstattung. 16 Schüler und zwei Lehrerinnen der Schule saßen in der Germanwings-Maschine, die am Dienstag abgestürzt ist.

Düsseldorf. Für den Internet-Ableger des „Spiegel“ war die Sache (zumindest bis gestern) klar: „Die Redaktion von ,Spiegel Online‘ hat sich entschieden, den Namen des Co-Piloten derzeit nicht vollständig zu nennen und ihn auch nicht im Bild zu zeigen.“ Für „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann war das Gegenteil ebenso klar.

Bild nannte den Namen des Co-Piloten nebst Alter und bildete ihn mit ungepixeltem Foto in Seitenhöhe ab. Zuvor hatte auch die Staatsanwaltschaft Düsseldorf – was sehr ungewöhnlich ist – den vollen Namen des Co-Piloten in der laufenden Ermittlung mitgeteilt.

Etliche Tageszeitungen, die sich selbst gern in der Liga „Qualitäts-Medien“ einordnen, veröffentlichten in ihren gestrigen Ausgaben Bilder des Mannes, die ohne Erlaubnis von seiner (inzwischen gesperrten) Facebook-Seite gestohlen wurden. Einige bildeten Hinterbliebene und Freunde der Opfer in einer Art ab, die von wenig Respekt vor der Intimsphäre der Trauernden geprägt war.

In Haltern boten Medien-Vertreter Schülern Geld für Handy-Fotos toter Freunde und das Aufsagen vorgefertigter Sätze in die Kameras an. Am Düsseldorfer Flughafen versuchte ein Fotograf unter Vorspiegelung einer falschen Identität in den geschützten Bereich der Angehörigen einzudringen.

Unsere Redaktion wird den Namen des Co-Piloten nicht nennen

Und der Chefredakteur einer westfälischen Regionalzeitung mokierte sich in seinem Facebook-Freundeskreis gestern über „die larmoyante Empörung von Journalisten über so genannten Voyeurismus, gespeist vor allem aus dem Neid, dass sie selbst weniger journalistische Ergebnisse erzielen ...“ Unsere Redaktion hat sich entschieden, den Namen des Co-Piloten nicht zu nennen.

Aus unserer Sicht ist er ein Beschuldigter in einem laufenden Ermittlungsverfahren. Wir halten uns an die juristischen und journalistischen Regeln, die in solchen Fällen eine identifizierende Berichterstattung verbieten. Bei der Text- und Foto-Berichterstattung über die Durchsuchung seines Düsseldorfer Wohnsitzes haben wir darauf geachtet, dass Wohnung und Wohnort nicht identifizierbar sind.

Dies haben wir auch aus dem Wissen unserer Recherche-Ergebnisse getan, dass alles andere die Gefahr birgt, weitere Opfer zu produzieren. Wir haben aus den gleichen Erwägungen auch nichts über die persönlichen Verhältnisse des zweiten, ebenfalls aus Düsseldorf stammenden Piloten veröffentlicht. Bilder von Facebook-Seiten unter Verletzung des Persönlichkeits- und Urheberrechts zu veröffentlichen, steht für uns nicht zur Diskussion.

Die Tat eines anderen ist keine Rechtfertigung für eigenes Handeln In den Internet-Debatten führten einige Medien ins Feld, diese Form der Zurückhaltung sei albern, weil amerikanische und englische Medien ohnehin alle Fotos und alle Namen nennen. Das kann man so sehen. Und wenn man Bilder und Informationen nicht veröffentliche, die ohnehin in der Welt seien, habe man im nachrichtlichen Wettbewerb keine Chance und informiere seine Leser einfach schlechter als andere.

Auch das kann man so sehen. Nur ändert es nichts daran, dass die Tat eines anderen keine Rechtfertigung für das eigene Handeln ist. Es gibt keine Gleichheit im Unrecht. Für die „New York Times“ und den „Guardian“ gilt amerikanisches und englisches Recht. Dort ist es absolut üblich, sogar die Adresse von Beschuldigten zu veröffentlichen. Nur gilt für deutsche Medien eben deutsches Recht. Wir zeigen unseren Leserinnen und Lesern keine gestohlenen Fotos und teilen ihnen auch nicht mit, in welche Kita in welchem Stadtteil die Kinder von Opfern gehen.

Für professionelle Journalisten gibt es Regeln des Handwerks

Allen professionellen Journalisten in Deutschland sind sowohl die Regeln des Handwerks, die Selbstverpflichtung der Verlage auf den Codex des Deutschen Presserats als auch die einschlägigen Pressegesetze der Bundesländer bekannt. Fehler und Verstöße kommen – wie sollte es auch anders sein – nahezu täglich vor.

Sie werden meist ausgeräumt und korrigiert, und auch die Regeln entwickeln sich weiter: Welche Methoden der Informations-Beschaffung sind zulässig und welche nicht? Welche Bearbeitung der Information ist erlaubt, wo ist die Grenze zur Manipulation? Welche Informationen darf man veröffentlichen, welche nicht?

Seit dem Gladbecker Geiseldrama 1988 ist nicht mehr vorstellbar, dass Journalisten Täter live im Fluchtfahrzeug interviewen und damit die Polizeiarbeit behindern. Seit dem Amoklauf von Winnenden 2009 sollte es einen anderen Umgang mit der journalistischen Darstellung von Trauer und Betroffenheit geben.

Was an Teilen der noch lange nicht beendeten Berichterstattung über die Germanwings-Katastrophe und ihre Folgen vor allem Leserinnen und Leser irritiert, ist die Leichtfertigkeit, mit der Medien diese Regeln nicht etwa im Gewirr der Nachrichtenlage versehentlich verletzen, sondern ohne jede Not absichtlich und kalkuliert brechen.

So verstörte ausgerechnet die „Zeit“ am Donnerstag ihre Leser auf dem Titel mit einem verdrehten Lufthansa-Logo und der Überschrift „Absturz eines Mythos“, der eine wirre und spekulative Geschichte folgte, die sich noch am Erscheinungstag durch die neue Nachrichtenlage als kompletter Nonsens darstellte.

Das ZDF musste sich gestern dafür entschuldigen, über zwei Tage in mehreren Sendungen das unkenntlich gemachte Gesicht eines jungen Mannes vor einer Bergkulisse gezeigt zu haben, der angeblich der Co-Pilot der abgestürzten Germanwings-Maschine sein sollte. „Hierbei handelte es sich jedoch nicht um ein Bild des Co-Piloten, sondern um das einer anderen, völlig unbeteiligten Person“, so das ZDF gestern.

Das Bild lief auch in der ARD. Wie die „Rhein-Zeitung“ berichtet, musste sich die Freundin des jungen in der Schweiz lebenden Mannes bei einem Geschäftsessen mit der Frage konfrontieren lassen, wie das denn eigentlich so war, mit einem Massenmörder liiert zu sein.

Der Chefredakteur eines von vielen Journalisten bezogenen Mediendienstes erklärte gestern Nachmittag: „Wer ein Flugzeug mit 150 Leuten an Bord mit voller Absicht an einem Berg zerschellen lässt, der qualifiziert sich automatisch zur Person der Zeitgeschichte. Medien haben jedes Recht und sogar die Pflicht seinen Namen zu nennen, sein Bild zu zeigen.

Er ist der Kern der Geschichte. Wer das anders sieht, sollte überlegen, seinen Presseausweis zurückzugeben.“ Ähnlich begründete der Online-Chefredakteur der FAZ, warum er den Namen nenne und das Bild zeige.

Das Land braucht eine Debatte über Ethik im Journalismus

Dies belegt, wie dringend das Land eine Debatte über Ethik im Journalismus braucht. Darüber, ob es wirklich eine wünschenswerte Ordnung der Gesellschaft darstellt, wenn sich neben der Rechtsstaatlichkeit eine Medien-Kultur breit macht, die nach eigenem Ermessen als Ankläger und Richter zugleich auftritt und auch noch das Urteil selbst vollstreckt: schuldig auf Verdacht, abgeurteilt im Namen der Auflage und der Quote. Um 17.31 Uhr teilte „Spiegel-Online“ mit, „ebenso wie der ,Spiegel‘“ den Namen ab sofort auszuschreiben“. Schließlich erscheint der gedruckte „Spiegel“ ja jetzt samstags.

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