44 Prozent der jungen Menschen sind ohne Arbeit – nirgendwo in Europa schlägt die Wirtschaftskrise brutaler durch.

Demonstranten tragen in Madrid symbolisch ihre Träume und Perspektiven zu Grabe.
Demonstranten tragen in Madrid symbolisch ihre Träume und Perspektiven zu Grabe.

Demonstranten tragen in Madrid symbolisch ihre Träume und Perspektiven zu Grabe.

AFP

Demonstranten tragen in Madrid symbolisch ihre Träume und Perspektiven zu Grabe.

Madrid. Die Schlange führt morgens um neun, als das Arbeitsamt aufmacht, bereits bis zur nächsten Straßenecke. Einer von jenen, die sich in Parla, einem Vorort im Süden Madrids, vor der Tür die Beine in den Bauch stehen, ist Jose Martinez. Seit sechs Uhr wartet der 21-Jährige, um im Amt zu fragen, ob es vielleicht doch Arbeit für ihn gibt.

"Es ist zum verrückt werden", sagt Jose. Jeden Monat komme er vorbei. "Nichts. Kein einziges Angebot." Seit einem Jahr gehe das so. "Ich habe die Schule mit 15 abgebrochen, dann auf dem Bau als Maurer angefangen." Fünf Jahre zog er täglich Hauswände hoch. Doch als Spaniens überhitzter Immobilienmarkt zusammenbrach, war auch sein Arbeitgeber plötzlich bankrott - und Jose ohne Job.

Der aufgeblähte Wohnungsmarkt ist komplett kollabiert

Parla gilt als Brennpunkt der Arbeitslosigkeit in der Hauptstadt-Region Madrid. Eine Schlafstadt, die vor allem durch Landflüchtlinge aus der Provinz, Immigranten (25 Prozent der Einwohner) und billigen Wohnraum wucherte. Die Hälfte der 108000 Einwohner ist jünger als 35 Jahre. Die offizielle Arbeitslosigkeit Parlas liegt bei über 20Prozent, die inoffizielle weit darüber. Als Jose endlich zum Schalter vordringt, ist es elf Uhr. Doch auch heute macht ihm das Arbeitsamt, das in Spanien "Inem" heißt, keine Hoffnung. "Tut mir leid", sagt der Berater, "im Moment bewegt sich nichts." In der Wirtschaftskrise, die Spanien heftiger erwischte als die europäischen Nachbarn, gibt es keine neuen Jobs. Erst Recht nicht für junge Leute. Viele Jahre erstaunte der südeuropäische Aufsteiger damit, dass er so viele Arbeitsplätze schuf wie sonst kein anderes EU-Land. "Ein wunderbares Wachstum", jubelte damals Jose Luis Zapatero, der sozialdemokratische Regierungschef.

Dem Höhenflug, angetrieben durch einen irren Bauboom, folgte ein tiefer Fall, nachdem der aufgeblähte Wohnungsmarkt wie ein Kartenhaus zusammenfiel: Spanien ist heute Europas schlimmster Arbeitsplatzvernichter. Die landesweite Gesamtarbeitslosigkeit liegt laut Eurostat bei nahezu 20 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit bei dramatischen 44 Prozent - beide Quoten doppelt so hoch wie der EU-Schnitt und weiter steigend.

Die junge Generation zwischen 16 und 25 Jahren leidet unter der höchsten Arbeitslosenquote der EU. "Generation Null", wurden die jungen Spanier von Spaniens Zeitung "El Pais" getauft, weil sie "Null Arbeitschancen" haben. Fälle wie der von Joses gibt es tausende in der Arbeitervorstadt Parla. Und hunderttausende im ganzen Land. Schulabbrecher machen den Großteil des jugendlichen joblosen Heeres von gut 900.000 Menschen aus.

Erstmals seit elf Jahren sind zehn Prozent aller erwerbsfähigen Menschen in den Ländern des Euro-Währungsgebiets ohne Job. Das sind zwei Prozentpunkte mehr als noch ein Jahr zuvor. Das heißt: Innerhalb eines Jahres sind fünf Millionen dazugekommen.

Deutschland schlägt sich mit einer Arbeitslosenrate von 7,8 Prozent noch verhältnismäßig gut. Im Nachbarland Frankreich etwa ist die Quote bereits zweistellig und steigt rapide. Und in Spanien kratzt die Arbeitslosenrate mit 19,4 Prozent bereits an der 20-Prozent-Marke.

Aber auch junge Akademiker machen die brutale Erfahrung, dass das Studium immer öfter in die Arbeitslosigkeit führt. Zum Beispiel Maria Gallego. Die 25-jährige Betriebswirtin aus Madrid beginnt seit Monaten den Tag in ihrer Studentenbude vor dem Computer: Durchforsten von Jobportalen im Internet, Bewerbungen für ein Praktikum, Kontakte suchen. "Frustrierend ist das", sagt sie. "Wir werden wohl nicht gebraucht." Überall suche man Kandidaten mit "mindestens drei Jahren Berufserfahrung". Und unter den Arbeitslosen gebe es derzeit "zehntausende Akademiker mit zehn Jahren Berufserfahrung".

Die frisch studierten Ingeniere, Architekten, Juristen und Wissenschaftler bevölkern nicht die Arbeitsämter. Weil sie dort weder mit finanzieller Stütze noch mit Jobs rechnen können. Die Uni-Absolventen machen aber laut offizieller Statistik 25Prozent der jugendlichen Arbeitslosen aus. Und sie suchen lieber auf eigene Faust. Keinen Job, keine Unabhängigkeit, keine eigene Wohnung. "Ich ziehe zurück zu meinen Eltern", kündigt Maria an. "Kein Geld mehr."

Auch der Teilzeit-Job als Kellnerin sei ihr gekündigt worden. Einen Kredit für das Studium müsse sie noch zurückzahlen. "Ich dachte, mir gehört die Zukunft, aber nun fühle ich mich als Verliererin." Adios, Wohlstand.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer