Helfer heben im Akkord Gräber aus. Vor der Grube weinen Angehörige. Und die Überlebenden müssen bald wieder unter Tage.

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Ein kleines Mädchen weint um ihren verstorbenen Vater. Sie berührt eine Namenstafel.

Ein kleines Mädchen weint um ihren verstorbenen Vater. Sie berührt eine Namenstafel.

dpa

Ein kleines Mädchen weint um ihren verstorbenen Vater. Sie berührt eine Namenstafel.

Soma. „Wir haben gestern 120 Gräber ausgehoben. Heute waren es noch mal mehr als 100“, sagt Özcan. Der Bauer aus einem Dorf in der Nähe des türkischen Unglücksbergwerks in Soma ist einer von vielen Freiwilligen, die bei der Bestattung der Toten helfen. Jeder Trauerprozession schreitet ein Mann voran, der eine gelbe Karte mit dem Namen des Opfers hochhält. Es soll trotz Chaos’ und hundertfachen Leids keine Verwechslungen geben. Trauernde Frauen vergraben ihre Gesichter in verweinte Taschentücher. „Mein Bruder ist vor acht Jahren bei einem Unglück in dem Bergwerk ums Leben gekommen“, erzählt Özcan, der seinen vollen Namen nicht nennen will. „Ich musste kommen.“

Großes Glück hatte dagegen die Familie von Mehmet Asher. Sein Schwager wurde lebend gerettet. Zehn Stunden lang war er unter Tage gefangen. Die Überlebenden hätten Schlimmes durchgemacht, berichtet Asher, während er vor der Leichenhalle in der Nachbarstadt Kirkagac steht, wo die Toten für die Beisetzung vorbereitet werden. Die Kumpel sahen ihre Freunde und Kollegen sterben. Sie erstickten an giftigen Gasen, waren umgeben von Feuer und Rauch.

In Soma kann niemand mit Sicherheit sagen, wie viele Menschen noch in der Mine gefangen sind. Hunderte sind tot oder verletzt. Teams von Helfern arbeiten rund um die Uhr, um den Familien zumindest die Leichen ihrer Angehörigen für ein Begräbnis übergeben zu können.

Viele Angehörige wissen nicht, wie sie für sich sorgen sollen

Die 22-jährige Duygu Colak ist verzweifelt. Ihr Mann Ugur (25) wurde gerade beigesetzt. „Sie haben ihn gestern aus der Zeche geborgen“. Nun weiß die junge Witwe nicht, wie es für sie und ihre 18 und fünf Monate alten Söhne weitergehen soll. Ugur hatte die Familie mit seiner Arbeit in der Mine ernährt.

Selbst der höchstbezahlte Bergarbeiter verdient umgerechnet nur 440 Euro im Monat. Kaum genug, um eine Familie zu ernähren. „Im Bergbau gibt es die einzigen Jobs hier in der Gegend“, sagt Cenar Karamfil. Die Verzweiflung ist ihm ins Gesicht geschrieben. Er habe einst selbst in der Zeche gearbeitet. „Die Arbeitsbedingungen im Bergwerk sind sehr hart. Es ist so heiß, man schwitzt und kann kaum atmen“, sagt er. „Aber die Männer werden wieder hinuntergehen.“

Auf dem Friedhof sitzt die acht Jahre alte Rüveyda und starrt auf das Geschehen. Ihr Vater ist tot. Sie versucht, die Trauer und Verzweiflung der Erwachsenen um sie zu verstehen. Fahrzeuge bringen ständig weitere Leichen. Özcan hebt derweil ein weiteres Grab aus.

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