Zehn Jahre nach dem Unglück zeigt RTL einen Film über das verschüttete Dorf. Dort will niemand an die Katastrophe erinnert werden.

Am Tag nach dem Lawinenunglück im Februar 1999 suchten Helfer in Galtür nach Verschütteten. Heute schützt eine riesige Wand den Ort. (Archiv
Am Tag nach dem Lawinenunglück im Februar 1999 suchten Helfer in Galtür nach Verschütteten. Heute schützt eine riesige Wand den Ort. (Archiv

Am Tag nach dem Lawinenunglück im Februar 1999 suchten Helfer in Galtür nach Verschütteten. Heute schützt eine riesige Wand den Ort. (Archiv

dpa

Am Tag nach dem Lawinenunglück im Februar 1999 suchten Helfer in Galtür nach Verschütteten. Heute schützt eine riesige Wand den Ort. (Archiv

Galtür. Wenn RTL am Sonntag um 20.15 Uhr die "Jahrhundertlawine" ins Rollen bringt, dann handelt es sich zunächst um eine fiktive Geschichte. Hintergrund dafür ist allerdings eine wahre Begebenheit, durch die das kleine Tiroler Bergdorf Galtür vor zehn Jahren traurige Berühmtheit erlangte.

Ab dem 20. Januar 1999 fiel nach schweren Stürmen immer mehr trockener und leichter Pulverschnee auf die Hänge, der nur eine geringe Bindungsfähigkeit hatte. Daraufhin löste sich am 23. Februar gegen 16 Uhr am Sonnberg eine Lawine.

Sie ging mit einer Geschwindigkeit von 200 Kilometern pro Stunde und einer Breite von 400 Metern nieder und verschlang den Ort Galtür. 31Menschen kamen dabei ums Leben.

700 Tonnen Stahl sollen eine zweite Katastrophe verhindern

Zehn Jahre später lässt die Alpen-Idylle die Bilder von damals vergessen. Majestätisch erhebt sich der 2754 Meter hohe Grieskogel über Galtür und scheint den blauen Himmel fast zu berühren. Die Sonne strahlt auf eine schneebedeckte Landschaft. Wer heute die 859-Einwohner-Gemeinde besucht, der muss ein wenig suchen, bis er auf etwas stößt, was an die Katastrophe erinnert.

Am Berg sind mehrere Stahlbarrieren zu erkennen und am Ortsausgang Richtung Silvretta-Hochalpenstraße steht eine große Mauer. Sie ist 345 Meter lang, 19 Meter hoch und mit 700 Tonnen Stahl verarbeitet. Vom Ort her ist sie nur schwer wahrzunehmen, denn an ihrer Rückseite wurde ein Ausstellungsgebäude integriert - das Alpinarium.

Die Wunden in Galtür waren nicht lange zu sehen. Alle zerstörten Häuser wurden noch im gleichen Jahr in lawinensicherer Stahlbeton-Bauweise neu errichtet. Die Stammgäste hielten dem Ort die Treue und kehrten zurück. 2001 zogen die Übernachtungszahlen wieder an.

Gedreht wurde der RTL-Film im Ötztal, im Dorf Vent. Dort ist die Empörung groß. Der Name des Ortes wurde nämlich entgegen getroffener Absprachen nicht geändert. Markus Pirpamer, Leiter der Bergrettung befürchtet, dass das die Vermietung von Fremdenzimmern treffen könnte.

Es informiert über das Leben am Berg und gibt am Rande auch Auskunft über jenen verhängnisvollen Dienstag vor zehn Jahren, an dem sich die Zauberwelt der Alpen von ihrer anderen, ihren unberechenbaren Seite zeigte.

Die Erinnerungen schmerzen. In einem derart kleinen Ort kennt jeder jeden, die Opfer waren keine Fremden, nicht einmal die touristischen Stammgäste. Aber sprechen möchte darüber kaum jemand. "Die Mauer hält, da können Sie sicher sein", ist eine der wenigen Auskünfte, die man erhält. Gemeint ist der Schutzwall, doch es hält auch eine zweite Mauer - eine Mauer des Schweigens. Die Einwohner reden nicht gerne über die Katastrophe, treten jedem Interesse mit Skepsis entgegen.

Der Ort war von der Außenwelt völlig abgeschnitten

Stolz waren die als eigenwillig bezeichneten Menschen im hinteren Paznauntal, als ihr 1584 Meter hoch gelegener Ort im April 1997 zum ersten offiziellen Luftkurort von Tirol ernannt wurde. Endlich konnten sie sich vom nur wenige Kilometer entfernten Ischgl abheben, das mit seinen Partys als Winter-Ballermann gilt. Und dann schlug der Berg zu.

Galtür stand im Mittelpunkt der Medien: Man berichtete über Einheimische und Touristen, die eine Nacht auf sich alleine gestellt waren. Über einen Ort, der von der Außenwelt abgeschnitten war, weil die einzigen beiden Zufahrtsstraßen wegen der Schneemassen gesperrt waren. Und über Hubschrauber mit Helfern, die am Morgen des 24. Februar endlich abheben konnten, nachdem sich der Schneesturm gelegt hatte. Es begann eine beeindruckende Luftbrücke mit einer Gesamtflugzeit von über 935 Stunden und mit 3364 Landungen. Dabei wurden 18406 Personen und 271710 Kilogramm Fracht befördert.

Die Einwohner aber reagieren noch heute mit einer Mischung aus Unverständnis und Wut über die Berichterstattung. Das Wort von der "Medien-Lawine" fällt. Die Angst, dass Gäste hätten abgeschreckt werden können, war groß. Und nun bringt RTL alles wieder in Erinnerung. Die Furcht vor einem Negativ-Image geht in Galtür erneut um. Es ist nicht schwer zu erraten, dass die Einwohner den Film nicht mögen werden.

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