25 000 Menschen kamen zu der in der Gelsenkirchener Arena gezeigten Premiere des Films über Leben und Wirken des an Alzheimer erkrankten Ex-Vereinsmanagers.

25 000 Menschen kamen zu der in der Gelsenkirchener Arena gezeigten Premiere des Films über Leben und Wirken des an Alzheimer erkrankten Ex-Vereinsmanagers.
Auf vier Leinwänden von je 200 Quadratmetern wurde der Film gezeigt.

Auf vier Leinwänden von je 200 Quadratmetern wurde der Film gezeigt.

Rudi Assauer auf Bildern im Jahr 2001 und 2017.

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Auf vier Leinwänden von je 200 Quadratmetern wurde der Film gezeigt.

Gelsenkirchen. Lange war es fraglich, ob er dem Abend zu seinen Ehren beiwohnen kann. Doch wie aus blau-weißem Himmel ist der an Alzheimer erkrankte Rudi Assauer am Freitagabend nun doch da. Durch den Haupteingang wird er von seiner ältesten Tochter Bettina Michel im Rollstuhl zügig vorbei an Fans und Journalisten in Richtung Arena geschoben. Ein klares Zeichen an die Öffentlichkeit: „Seht her, wir leben noch!“

In dem über 62 000 Zuschauer fassenden Rund, in Fankreisen ehrfürchtig auch als Stumpen-Rudis Aschenbecher bezeichnet, hat der ehemalige Schalke-Manager und passionierte Zigarren-Raucher einen Platz gefunden. Neben ihm haben sich Tausende Schalker auf den Weg ins Stadion gemacht, um die Premiere von „Rudi Assauer – Macher. Mensch. Legende.“ auf vier großen Leinwänden zu verfolgen.

Weltrekord wird verpasst, aber es ist das „größte Kino Deutschlands“

Assauer verdanken die Schalker Anhänger die hochmoderne Multifunktionsarena. Aber Schalke wäre halt nicht Schalke, wenn es mit dem Kinoabend im Fußballstadion nicht auch gleich einen Weltrekord knacken wollte. Die Bestmarke in der Kategorie „Größtes Publikum bei einer Filmpremiere“ der Guinness World Records liegt bei 43 624 Besuchern. „Wenn es eine Region gibt, die das toppt, dann ist es der Ruhrpott, dann sind es die Schalker“, ist Regisseur Don Schubert kurz vor Vorstellungsbeginn noch überzeugt.

Doch der Weltrekord wird deutlich verpasst. Am Ende sind es rund 25 000 Menschen, die sich einen intimen Einblick in das Leben und Wirken von Rudi Assauer erhoffen. Aber Schalke wäre nicht Schalke, wenn es nicht auch wüsste, wie es schlechte Nachrichten gut verkauft: Aus der angestrebten Weltrekordstätte auf Schalke wird „das größte Kino Deutschlands“.

Auch die Uefa-Cup-Sieger von 1997, die sogenannten Eurofighter, besuchen die Filmaufführung. Kapitän Olaf Thon und Stürmer Martin Max zählten zu dieser legendären Mannschaft, die zusammen mit Manager Assauer und Trainer Huub Stevens dem FC Schalke 04 den größten Erfolg der Vereinsgeschichte bescherten.

„Ich habe ihn als einen sehr ehrlichen Menschen kennengelernt, der seine Meinung den Spielern stets vor den Kopf gebrettert hat“, erinnert sich Max. Auf der anderen Seite habe Assauer bei Weihnachtsfeiern die Profis jedes Jahr dazu „gezwungen“, zusammen mit ihm eine Zigarre zu rauchen.

Natürlich ist auch Schalkes Jahrhunderttrainer und Assauer-Freund Huub Stevens gekommen. „Es war eine tolle und verrückte Zeit“, sagt Stevens. „Er war immer ehrlich und hat alles für den Verein getan. Schön, dass er hier ist und ihm so viele Fans die Ehre erweisen. Das ist typisch Schalke“, sagt Stevens im Interview mit Moderator Carsten Kulawik, der unter anderem auch Stadionsprecher beim Wuppertaler SV ist. „Ich kenne Rudi seit mittlerweile zwölf Jahren. Dass ich bei seiner Filmpremiere am Mikro sein durfte, ist eine Riesen-Ehre für mich gewesen“, sagt der Wuppertaler Kulawik.

Weltmeister Olaf Thon kann sich an Momente mit dem heute 74-jährigen Schalke-Manager erinnern, die im heutigen Profifußball unvorstellbar erscheinen. Der Abend des 30. Aprils 1984, 48 Stunden vor dem DFB-Pokal-Halbfinale gegen Bayern München: Assauer, der an diesem Tag 40 Jahre alt geworden ist, feiert zusammen mit Jungspund Olaf Thon in dessen 18. Geburtstag hinein. „Rudi stand hinter dem Tresen und hat für mich Bier gezapft.“ Der feuchtfröhlichen Spielvorbereitung zum Trotz erzielte Thon gegen die Münchner drei Treffer und war damit maßgeblich an einem der größten Spiele des deutschen Vereinsfußballs beteiligt, welches mit einem 6:6 nach Verlängerung endete.

Zur Schalker Folklore gehört auch, dass im Vorprogramm des Films die Band „Florians“ die Vereinshymne „Blau und Weiß, wie lieb’ ich dich“ spielt und der achtzigköpfige Ruhrkohle-Chor das „Steigerlied“ in voller Montur anstimmt. Fahnen werden auf den Rängen geschwenkt und Schals in die Höhe gereckt.

90 Minuten durch Höhen und Tiefen im Leben Assauers

In 90 Minuten erzählt Regisseur Don Schubert die Geschichte des kleinen Rudi aus Herten, der Fußballprofi werden möchte und nach seiner Spielerkarriere die Vereinsgeschicke im Hintergrund führt. Neben Interviews mit beruflichen Weggefährten wie Manager-Kollege Reiner Calmund kommen auch die beiden Familienmitglieder, Zwillingsschwester Karin Assauer und Tochter Bettina Michel, zu Wort. Ehemalige Profis wie Ebbe Sand oder Gerald Asamoah werden bei den Einspielern von den Rängen frenetisch bejubelt.

Für herzhaftes Lachen sorgen die Kommentare von Assauers Sekretärin, Sabine Söldner. Die Ruhrpott-Schnauze gab dem in ihren Augen anfangs „überheblichen Pinsel“, der nicht zu Schalke passe, regelmäßig Kontra.

Bekannte Archivaufnahmen aus Assauers Fußballer- und Manager-Zeit mit all ihren Höhen und Tiefen wechseln sich ab mit Sequenzen aufwendiger Filmtechnik, die Momente, in denen mal kein Kamerateam vor Ort war, skizzenartig in schwarz-weiß nachzeichnet. So lugt der Straßenkicker Rudi mit großen Augen und einem Ball unter dem Arm durch einen Zaun auf den heimischen Sportplatz Katzenbusch. „Betretet die Kampfbahn und werdet Männer, die zu siegen verstehen!“ heißt dort die Losung, die er seit diesem Tag offensichtlich aufgesogen hatte.

Genau an diesen Ort kehrt am Ende des Films Assauer, einer der mächtigsten deutschen Fußballmacher aller Zeiten, zurück. Wieder mit großen, allerdings traurigen und müden Augen. Die Alzheimer-Krankheit hat ihn gezeichnet, seine Tochter Bettina stützt ihn. In Assauer schlägt ein gebrochenes Herz. Der erzwungene Rücktritt von seinem Manager-Posten bei Schalke im Jahr 2006, sein Ende im Profi-Geschäft, hat ihn tief getroffen. Der Kinoabend endet mit Standing Ovations von rund 25 000 Zuschauern, die mit gläsernen Augen dem Jungen aus Herten Anerkennung zollen.

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