Oliver Knickel flog 105 Tage lang in einem Raumschiff zum roten Planeten – ohne die Erde zu verlassen.

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Ende einer Dienstfahrt: Oliver Knickel packt seine Sachen (l.). Kurz danach verlässt er das „Raumschiff“. (Fotos (2): dpa)

Ende einer Dienstfahrt: Oliver Knickel packt seine Sachen (l.). Kurz danach verlässt er das „Raumschiff“. (Fotos (2): dpa)

Ende einer Dienstfahrt: Oliver Knickel packt seine Sachen (l.). Kurz danach verlässt er das „Raumschiff“. (Fotos (2): dpa)

Moskau. Ein kleiner Schritt für Oliver Knickel, ein großer Sprung für die Forschung: Nach 105 Tagen weitgehender Isolation stieg der Bundeswehrhauptmann Knickel am Dienstag in Moskau lächelnd aus einem nachgebauten Raumschiff.

Zunächst gab es Blumen, dann Gratulationen von Mitarbeitern des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt DLR. Seit Ende März hatte der 29-Jährige im Institut für biomedizinische Probleme (IBMP) mit vier Russen und einem Franzosen Teile einen mindestens 55 Millionen Kilometer weiten Flugs zum Mars simuliert.

"Jetzt haben wir eine Menge Erkenntnisse für nächste Missionen", sagte DLR-Chef Johann-Dietrich Wörner. Im März soll in Moskau der nächste Test starten, dann für 520 Tage.

Die Crew feierte Geburtstag und übte Hochzeitstänze

Um 12 Uhr unserer Zeit wurde das Siegel vor der Luke des röhrenförmigen Modells zerschnitten, und die in blaue Overalls gekleidete Crew traut aus dem Container. Gelangweilt habe man sich dort selten, schrieb der gebürtige Düsseldorfer Knickel in das Bord-Tagebuch.

Einmal feierten die Männer den Geburtstag des Deutschen, ein anderes Mal brachte "Kapitän" Sergej Rjasanski seinem "Co-Kosmonauten" Cyrille Fournier das Walzertanzen für dessen Hochzeit im August bei. Bei einer solchen Reise lerne man "nicht nur den Mars, sondern auch den Menschen" besser kennen, schrieb der Franzose in Anspielung auf die Enge in dem 550 Kubikmeter großen Modul.

Ralf Jaumann, Leiter der Abteilung Planetengeologie am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Berlin, hält eine Mars-Mission für Zukunftsmusik. Die Ersten, denen das gelingen könnte, seien die Amerikaner - dies könnte aber noch 20 Jahre dauern.

Es müsse erst einmal ein Raumschiff gebaut werden, das diese Reise mit Menschen durchstehen könne, sagt Jaumann. "Sie müssen mindestens ein halbes Jahr hinfliegen. Dann müssen sie ein halbes Jahr auf dem Mars sein. Denn der ist dann auf der anderen Seite von der Sonne als die Erde. Sie müssen also warten, bis beide Planeten wieder nah beieinander sind, und dann werden sie mindestens ein halbes Jahr zurück zur Erde unterwegs sein."

"Ich muss zugeben, dass ich jegliche langfristige Wahrnehmung für Zeit verloren habe", teilte Knickel kurz vor seinem Ausstieg mit. "Mir erscheint es wie drei bis vier Wochen, aber der Kalender beweist, dass es 105 Tage waren." Der Gedanke, dass der zur Gewohnheit gewordene Aufenthalt in dem Isolationsmodul ein Ende habe, mache ihn "etwas melancholisch". Dreieinhalb Monate hat er kein Tageslicht gesehen, nun könne er kaum glauben, dass bereits Sommer sei. Am meisten freue er sich darauf, seine Freundin wiederzusehen.

Während des Experiments hätten alle Crew-Mitglieder Gewicht verloren, allein er habe fast vier Kilo abgenommen. Für das nächste Experiment empfehle ich größere Mahlzeiten", sagte Knickel nur halb im Scherz. Die Nahrung wurde komplett aus Deutschland geliefert, ein kleines Gewächshaus steuerte etwas Frischkost bei.

Obwohl man in dem Modul etwa auf Schwerelosigkeit verzichtete, soll das Langzeit-Experiment Wissen für eine echte Mission zum Roten Planeten "in 30 bis 40 Jahren" bringen. In der Realität würde eine solche Reise fast zwei Jahre dauern. Wie bei "Big Brother" übertrugen Kameras in dem fensterlosen Container das Geschehen in einen benachbarten Kontrollraum. An dem rund 15 Millionen Euro teuren Experiment war auch die Europäische Weltraumbehörde ESA beteiligt.

Ins "Raumschiff" hatte Knickel auch russische Bücher mitgenommen, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Am Dienstag beherrschte der sonst in Eschweiler bei Aachen stationierte Soldat die Sprache bereits wesentlich besser als vor dem Test. Den "Sprachkurs" werde die DLR Knickel aber nicht in Rechnung stellen, scherzte Wörner.

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