Dies ist die Geschichte von einem behinderten Jungen, der Kinderprinz sein wollte. Und die Geschichte von einem Dorf, das ihn zum Prinzen machte.

Karneval
Kinderprinz Henning Evertz (12) aus Stolberg-Vicht, der am Down Syndrom leidet, scherzt mit seinem Vater Wolfgang.

Kinderprinz Henning Evertz (12) aus Stolberg-Vicht, der am Down Syndrom leidet, scherzt mit seinem Vater Wolfgang.

dpa

Kinderprinz Henning Evertz (12) aus Stolberg-Vicht, der am Down Syndrom leidet, scherzt mit seinem Vater Wolfgang.

Stolberg. Wenn Henning erzählt, sprudelt es aus ihm heraus. Worte geraten ins Stolpern, Sätze werden irgendwie verdreht. Egal, der Junge ist begeistert, und das muss raus. Fröhlich und mit kraftvoller Stimme erklärt er die Orden, die er bisher bekommen hat. Stolz zeigt er jeden einzelnen, legt ihn sorgsam auf den Wohnzimmertisch. Einen ganzen Berg mit Orden. Einer davon ist von ihm. Ein hübscher, lustiger Orden mit drei Clowns und einem Bild von Henning I., Kinderprinz von Stolberg-Vicht bei Aachen.

„Upps. Geht doch. Er überrascht mich immer wieder.“

Karin Evertz, Mutter von Kinderprinz Henning

Der zwölfjährige Henning hat das Down Syndrom, eine angeborene Chromosomenveränderung, die bei ihm zu geistigen und feinmotorischen Einschränkungen führt. Nach der Geburt mussten Wolfgang und Karin Evertz das erst mal verkraften. „Ich habe darüber nachgedacht, was er alles nicht können wird“, sagt die Mutter. Jetzt sieht sie, was er alles kann, ihr Henning: Fahrradfahren, das Schwimmabzeichen Seepferdchen hat er gemacht, zusammen mit den anderen Kindern ist er zur Kommunion gegangen. Und jetzt also Karnevalsprinz! „Upps. Geht doch. Er überrascht mich immer wieder“, sagt die Mutter.

Henning hat für das Treffen extra sein Prinzengewand angezogen: Weiß-rotes Kostüm, roter Umhang, prächtige Prinzenkappe mit noch prächtigeren Federn. Damit sitzt er auf der Wohnzimmercouch. Die Eltern erzählen: Von Tante Elisabeth, die dem Jungen vor neun Jahren eine CD der Kölner Band „Höhner“ schenkte. Wie immer es auch passierte, von da an hatte der Junge den Karnevalsvirus. Die Familie wohnte damals in der Nähe von Köln. Da fiel das nicht weiter auf.

Henning fiel den Narren aus der Voreifel als Fahnenträger auf

Bemerkenswert wurde die Leidenschaft, als der kleine Henning den Eltern im zarten Alter von sechs Jahren eröffnete: „Ich will auch mal Prinz sein.“ Das war keine Eintagsfliege. Der Satz kam immer wieder, auch als Henning mit den Eltern und den beiden Schwestern längst in der Voreifel wohnte. Bei der KG „Närrische Lehmjörese“ fiel Henning als Fahnenträger auf. „Guck dir an, mit welcher Begeisterung der die Fahne trägt“, raunte man sich im Verein zu und meinte Henning.

„Tschudupp, tschudupp, tschudupp, Party.“

Prinz Henning rappt das Prinzenlied

Wolfgang Evertz brachte seinen Jungen als Prinzen ins Spiel. Die Vereinskollegen hatten keine Bedenken. Ein Junge mit Handicap, sicher, aber auch ein lebensfroher Mensch, der sich unendlich freuen kann. Und über den sich das Dorf freut. Als das dann klappte, waren die Eltern fast etwas erschrocken, besorgt. „Können wir ihm das zumuten. Wie reagiert Henning, wenn er plötzlich vor so vielen Menschen steht?“, erzählt Vater Wolfgang. Souverän reagiert er, das sieht man auf dem Video von der Prinzenproklamation. Das Volk trägt ihn, feiert ihn, den Charming-Prinzen.

„Es tut einfach gut, dass er die Hauptperson ist und nicht hinten ansteht.“

Wolfgang Evertz, Vater

Beim Down Syndromhandelt es sich um eine Genommutation, bei der das 21. Chromosom ganz oder teilweise dreifach vorliegt. Verbunden ist damit eine geistige und körperliche Behinderung, die unterschiedlich schwer ausfallen kann.


Das Down-Syndrom ist mit einer auf 700 Geburten die häufigste angeborene Chromosomenstörung. Insgesamt leben laut dem „Deutschen Down-Syndrom Infocenter“ in Deutschland rund 30 000 bis 50 000 Menschen mit dem Down-Syndrom.

Henning ist ein besonderer Prinz. Er kann keine Ansprachen halten. Aber singen, schmettern und summen kann er. Als der Vater im Wohnzimmer-Gespräch das Wort Party fallen lässt, verfällt der Prinz in einen spontanen Rap, singt zum rhythmischen Klopfen aufs Knie in „Tschudupp, tschudupp, tschudupp, Party.“

Das Prinzenlied ist alles andere als Rap. Auf eine Höhner-Vorlage – was sonst – textete Papa Wolfgang mit seinen Mitstreitern das Prinzenlied, ging mit seinem Jungen ins Tonstudio und ließ das Stück aufnehmen. Henning steht im Rampenlicht. Er feiert, er wird gefeiert. „Es tut einfach gut, dass er die Hauptperson ist und nicht hinten ansteht“, sagt Vater Wolfgang.

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