Aus Wut über eine Mitdiskutantin hatte Wolfgang Bosbach kürzlich ein TV-Studio verlassen. Für den Medienexperten Jo Groebel vertragen Talkshows mehr solcher Momente.

Warme Worte konnten Wolfgang Bosbach nicht mehr aufhalten. Aus Wut über die Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth verließ er das Studio.
Warme Worte konnten Wolfgang Bosbach nicht mehr aufhalten. Aus Wut über die Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth verließ er das Studio.

Warme Worte konnten Wolfgang Bosbach nicht mehr aufhalten. Aus Wut über die Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth verließ er das Studio.

dpa

Warme Worte konnten Wolfgang Bosbach nicht mehr aufhalten. Aus Wut über die Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth verließ er das Studio.

Düsseldorf. „Bitte bleiben Sie bei mir!“ Alles Bitten und Flehen von Sandra Maischberger war vergebens. Denn in einer denkwürdigen Folge der Polit-Talkshow „Maischberger“ war der Öko-Aktivistin Jutta Ditfurth jüngst etwas gelungen, was sonst nicht so einfach ist: Sie hatte den CDU-Politiker Wolfgang Bosbach mit ihren Aussagen zu den Ausschreitungen beim G20-Gipfel und einer möglichen Verantwortung der Polizei derart auf die Palme gebracht, dass dieser wutentbrannt das Studio verließ. „Ich habe Ihnen vor der Sendung gesagt, was ich mitmache und was nicht“, polterte Bosbach in Richtung der Gastgeberin Sandra Maischberger. Sonst für seine rheinische Frohnatur und ein gelassenes Gemüt bekannt, war Bosbach offenbar schon vor der Sendung schlecht auf Ditfurth zu sprechen. Als eine weitere provokante Bemerkung fiel, suchte der Christdemokrat medienwirksam das Weite.

Am nächsten Tag überschlugen sich die Schlagzeilen über den angeblichen „TV-Eklat“. Einer zumindest hatte sich dabei immerhin gut unterhalten gefühlt: „Wenn so ein Vorfall nicht künstlich inszeniert wird, was ich bei Herrn Bosbach auch gar nicht vermute, kann das durchaus einen erfrischenden Impuls für die Sendung bringen“, sagt der Medienpsychologe Jo Groebel im Gespräch mit unserer Zeitung. „So etwas passiert ja auch nur alle Jubeljahre und Bosbachs Verhalten fand ich in der Situation spontan und absolut nachvollziehbar.“

Zahlreiche Talkshow-Formate seit den 70er-Jahren

Denn authentische Momente wie dieser seien selten geworden in deutschen Talkshows, wo seit den 70er-Jahren auf nahezu allen Kanälen gequasselt wird. In den vergangenen Jahrzehnten schossen unterschiedlichste Talk-Formate wie Pilze aus dem Boden, wobei sich in der Gesprächskultur der Shows einiges verändert habe, beobachtet Groebel: „Die ersten Talkshows wie etwa der WDR-Klassiker ,Je später der Abend’ waren auch ein Ausläufer der 68er-Bewegung. Es gehörte zum Konzept, ein gesellschaftspolitisches Thema mit prominenten Gästen abzubilden.“

Dabei ging es zuweilen rauer zur Sache, als man es heute aus den eher unterhaltenden Talkrunden am Freitagabend gewohnt ist. Wurde damals noch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hemmungslos gequarzt, gepöbelt und gelegentlich ein rauschender Abgang gemacht, kommen die Talkshows heute eher weichgespült daher. Die Gäste sind meist auf Kuschelkurs miteinander, hören einander aufmerksam zu und klopfen sich gegenseitig für den neuen Film oder das aktuelle Buchprojekt auf die Schulter. Hinter der Zusammensetzung der Gesprächsrunde steckt derweil eine ausgefeilte PR-Strategie, sagt Groebel: „Für die Produzenten sind Talkshows eine Möglichkeit, mit geringem Kostenaufwand hochattraktive Formate zu schaffen, von denen alle Beteiligten profitieren. Natürlich auch die Gäste, denen man eine Werbeplattform für ihre Projekte bietet.“

Nicht ganz so plakativ gilt diese Gleichung nach Groebels Einschätzung für die politischen Talkshows wie „Maischberger“, „Maybrit Illner“, oder „Anne Will“, bei denen zumindest vordergründig der nachrichtliche Informationsanspruch Priorität habe. Doch dies bezweifelt der Medienexperte: „Wenn man sich die Auswahl der Gäste in den politischen Talk-Formaten anschaut, stellt man fest, dass dort immer die gleichen prominenten Köpfe zu Wort kommen, deren Position der Zuschauer sowieso schon zur Genüge kennt. Deshalb haben diese Sendungen für ihn eher einen affirmativen Effekt.“ Der Zuschauer werde somit eher in seinen Vorurteilen bestätigt, als dass er neue Erkenntnisse gewänne. Und: „Bei Wolfgang Bosbach und Jutta Ditfurth hat man schon vorher ahnen können, dass diese Konstellation Zündstoff birgt; für mich war das keine Überraschung. Das hatte etwas von einem Shakespeareschen Drama.“

Als „Mutter aller Talkshows“ im deutschen Fernsehen gilt die Sendung „Je später der Abend“, die von 1973 bis 1978 im WDR ausgestrahlt wurde. Präsentiert wurde sie von dem Moderatoren-Trio Dietmar Schönherr, Hansjürgen Rosenbauer und Reinhard Münchenhagen.

Dabei ist die Geschichte der Talkshow reich an Skandalen, wie ein Blick zurück zeigt: So geriet 1991 Bundeskanzlerin Angela Merkel als damalige Bundesministerin für Frauen und Jugend mit der Autorin Karin Struck aneinander. In einem hysterisch anmutenden Wutausbruch riss sich Struck plötzlich Sender und Mikrofon vom Körper, entkleidete sich und schleuderte die Utensilien inklusive eines Weinglases ins Publikum. Eine Zuschauerin wurde dabei verletzt; Struck verließ unter einem Pfeifkonzert den Saal. Angela Merkel reagierte, wie sie es heute vermutlich auch tun würde: Sie lächelte nachsichtig und ließ Strucks Schimpftiraden an sich abprallen.

Immer für einen Aufreger gut ist auch sie: Die „Godmother of Punk“ Nina Hagen hat sich ihren Ruf als Skandalnudel in Talkshows ehrlich erarbeitet, als sie 1979 in der früheren Diskussionssendung „Club 2“ im ORF vor laufenden Kameras veranschaulichte, wie Frauen mit dem größtmöglichen Lustgewinn masturbieren.

Gleichsam flogen die Fetzen 2007, als Hagen Gast in einer Talkshow war, in der Sandra Maischberger diesmal mit ihren Gästen über das vielversprechende Thema „Ufos, Engel und Außerirdische“ diskutieren wollte. Als die Sängerin gerade salbungsvoll von einer Begegnung mit einem Ufo berichtete, wurde es dem Physiker Joachim Bublath zu bunt. Er habe nicht gewusst, dass er hier an einem „Kuriositäten-Kabinett“ teilnehmen solle, ließ er die Runde wissen und zog entnervt von dannen. Nina Hagen quittierte dies mit guten Wünschen für den Wissenschaftler: „Ich hoffe, du findest Hoffnung und Liebe und du wirst die Menschen aussprechen lassen!“ Die Liste ihrer Aussetzer ließe sich beliebig fortsetzen.

Den bewusst provozierten Eklat wusste derweil der „Spaß-Guerilla der 68er“ gekonnt für seine politische Mission zu nutzen: Mit Zaubertinte bespritzte Fritz Teufel den früheren Bundesfinanzminister Hans Matthöfer, der das kleine Scharmützel so gar nicht lustig fand. Er revanchierte sich, indem er Teufel ein Weinglas über die Kleidung goss. Wenn’s der Wahrheitsfindung dient.

Kerner warf Eva Herman aus der Sendung

Doch abgesehen davon, dass Talk-Gäste zuweilen die Faxen so dicke haben, dass sie ihrerseits die laufende Sendung verlassen, kommt es auch vor, dass sie vom Moderator nach draußen komplimentiert werden. Dieses Schicksal ereilte die frühere „Tagesschau“-Sprecherin Eva Herman bei „Kerner“. Weil sie sich nicht von ihren umstrittenen Aussagen zum Deutschen Reich distanzieren wollte, warf der Moderator Johannes B. Kerner sie mit großer Geste aus der Show. „Es sind ja doch die besonders spannenden Momente, wo man sich selbst so ein bisschen Gedanken macht und überlegt, wie man weitermacht“, schwadronierte er. „Die habe ich mir jetzt gemacht und mich entschieden, dass ich mit meinen drei Gästen jetzt weiterrede und dich, Eva, verabschiede.“

Was die Causa Bosbach betrifft, übt sich der stellvertretende WDR-Chefredakteur Udo Grätz in Nachsicht: „Natürlich sind Talk-Gäste auch nur Menschen und ihnen kann mal eine Sicherung durchbrennen.“ Zwar wünsche sich der Zuschauer eine gewisse Emotionalität bei den Gesprächsteilnehmern, wenn diese leidenschaftlich ihre Positionen vertreten. Aber grundsätzlich gelte: „Wer rausgeht, muss auch wieder reinkommen.“

Doch auch vor den Fernseh-kameras siegt manchmal eben das Gefühl über die Ratio. So ist in Zeiten von viel glatt gebügelter Fernsehkost ein kleiner Ausraster vielleicht auch ein Farbklecks.

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