Vorreiter seit den 1960er Jahren. Türkisch auch als Pflichtfremdsprache möglich.

Düsseldorf. Grünen-Chef Cem Özdemir, Deutschlands erster Parteivorsitzender mit türkischen Wurzeln, fordert mehr Türkisch-Unterricht an den Schulen, um die Mehrsprachigkeit bei türkischstämmigen Kindern zu fördern. "Warum soll an deutschen Schulen neben Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch nicht auch mehr Türkisch angeboten werden?", fragt er. Tatsächlich gibt es viele Migrantenkinder, die weder ihre Muttersprache noch Deutsch korrekt beherrschen und folglich Schwierigkeiten haben, am Unterricht teilzunehmen.

Doch was Özdemir bundesweit anmahnt, ist in NRW längst Realität. Seit Mitte der 1960er Jahre bietet das bevölkerungsreichste Bundesland muttersprachlichen Unterricht an. "In NRW ist das Angebot unter allen 16 Ländern am größten", sagt Gerhard Mayer, zuständiger Dezernent bei der Bezirksregierung Düsseldorf. Bereits in den Kindertagesstätten gebe es entsprechende Angebote.

Das Erlernen der deutschen Sprache stehe natürlich an erster Stelle aller Unterrichtsziele, betont der Dezernent. "Wer aber die Muttersprache beherrscht, dem fällt es auch leichter, Deutsch zu lernen."

Die Mehrsprachigkeit der Schüler soll weiterentwickelt werden

Die Inhalte haben sich in den vergangenen Jahrzehnten jedoch gewandelt. Aus dem für die Rückkehr in das Herkunftsland konzipierten Unterricht sei ein Sprachunterricht geworden, der die Mehrsprachigkeit der Schüler weiterentwickeln und fördern soll, so Mayer.

Der muttersprachliche Unterricht wird derzeit in der Grundschule und in der SekundarstufeI in 15 Sprachen angeboten - neben Türkisch unter anderem in Arabisch, Polnisch und Russisch. Allein im Regierungsbezirk Düsseldorf gibt es dafür 275 Planstellen, 100 davon fürs Türkische.

Wissenschaftler zweifeln jedoch an, dass sich junge Migranten, die Türkisch-Unterricht erhalten, besser integrieren lassen. Der Würzburger Bildungsforscher Heinz Reinders mahnt eine "Balance zwischen der Herkunfts- und der Aufnahmekultur" an. "Schülern mit türkischstämmigem Elternhaus wäre nicht gedient, wenn am Ende auf dem Schulhof und auch im Unterricht türkisch gesprochen wird."

Und der Berliner Erziehungswissenschaftler Rainer Lehmann ergänzt: "Wichtiger ist die Frage, welche Sprachen - einschließlich der Fremdsprachen - den Jugendlichen gute Chancen auf eine Integration in den Arbeitsmarkt eröffnen." Der Generalsekretär der baden-württembergischen CDU, Thomas Strobl, wird noch deutlicher. Türkisch, so meint er, sei keine "global relevante Fremdsprache".

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