Gemeinsam Lernen bis Klasse 10: Seit einem Jahr gibt es in Minden die erste Primusschule in NRW. Bald folgt eine weitere in Viersen am Niederrhein.

Versuch
Ein Blick ins bunte Klassenzimmer der Mindener Primusschule. Sie ist die erste dieser Art im Land.

Ein Blick ins bunte Klassenzimmer der Mindener Primusschule. Sie ist die erste dieser Art im Land.

dpa

Ein Blick ins bunte Klassenzimmer der Mindener Primusschule. Sie ist die erste dieser Art im Land.

Viersen/Minden. „Für mich ist das die Schule der Zukunft“, sagt Marie Breuer. Die 31-Jährige ist Lehrerin an Nordrhein-Westfalens erster und bislang einziger Primusschule in Minden. Der Schulversuch soll zeigen, ob es den Kindern nützt, wenn sie nicht nach der Grundschule wechseln müssen, sondern von der ersten bis zur zehnten Klasse zusammen lernen. Breuer ist überzeugt: „Der Wechsel nach der Klasse vier ist ein Bruch, erzeugt viel Druck und viel Stress.“

„Das ist hier keine Gleichmacherei.“

Antje Mismahl, Leiterin der Mindener Primusschule

Für den zehnjährigen Schulversuch haben sich in Minden die Cornelia-Funke-Grundschule und die auf der anderen Straßenseite liegende Kurt-Tucholsky-Gesamtschule zusammengetan. „Ideale Voraussetzungen“, sagt Rektorin Antje Mismahl.

Vor knapp einem Jahr ging es los mit der ersten und der fünften Klasse. Es soll hier jahrgangsübergreifenden Unterricht, offene Lernformen, keine Noten bis zur Klasse acht und kein Sitzenbleiben geben. Ist das also die Einheitsschule, wie der Elternverein NRW kritisiert? „Das ist hier keine Gleichmacherei, im Gegenteil“, kontert Mismahl den Vorwurf.

Bildungsforscher misstrauen frühzeitiger Schulprognose

Unternehmerin Meike Wolf, deren Tochter Smilla in die 1. Klasse geht, schätzt den Notenverzicht: „Wenn die jungen Leute nur mit Druck etwas leisten können, dann muss ich als Arbeitgeber auch Druck machen. Mir ist aber lieber, wenn sie selbstständig arbeiten.“

Auch die durchgehende gemeinsame Schulzeit findet Wolf gut. „Es braucht seine Zeit herauszufinden, was für ein Kind das ist.“ Bildungsforscher Eiko Jürgens sagt, die Empfehlungen der Lehrer nach der 4. Klasse würden sich oft nicht bestätigen. Dagegen könnten sie nach der 9. Klasse eine sehr sichere Prognose abgeben.

In einer Primusschule lernen die Kinder von der ersten bis zur zehnten Klasse durchgehend gemeinsam. Der Versuch soll Erkenntnisse liefern, ob Schüler ohne Wechsel nach der Grundschule bessere Abschlüsse erreichen.

Die Schule kann beschließen, bis zur achten Klasse einschließlich auf Noten zu verzichten. Am Ende des Schuljahres gibt es Lernzertifikate. Dort wird beschrieben, welche Leistungen der Schüler erbracht hat. Der Schulversuch unter

is.gd/eF9LzT

Auch in Viersen wird es zum kommenden Schuljahr eine Primusschule geben – allerdings die einzige in unserer Region. Die Idee wurde nicht von der Stadt vorgegeben, sondern kam von den Lehrern. „Angesichts schrumpfender Grundschulen haben sich die Schulleiter schon länger mit der Frage beschäftigt, was das Modell der Zukunft ist“, sagt Viersens erster Beigeordneter Paul Schrömbges. Der Erlass für die Primusschule kam wie gerufen. 75 Anmeldungen brauchte die Stadt. Schnell kamen 78 zusammen. Als Gebäude steht eine aufgegebene Hauptschule zur Verfügung. Abzüglich Landesfördermitteln und Elterngeld kostet das neue Modell die Stadt 23 000 Euro im ersten Jahr.

Entscheidend ist bei der Primusschule vor allem die Motivation der Lehrer, denn wer Neuland betritt, hat oft mehr Arbeit. Die Mindener Lehrerin Marie Breuer weiß das: „Der Arbeitsaufwand wird in dieser Schulform wohl immer mehr sein, als in einer herkömmlichen Schule“, sagt sie und fügt hinzu: „Das ist es mir aber wert.“

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