Packeis taut: Der Winter in Spitzbergen war erstaunlich mild.
Packeis taut: Der Winter in Spitzbergen war erstaunlich mild.

Packeis taut: Der Winter in Spitzbergen war erstaunlich mild.

Heiko Mülleneisen

Packeis taut: Der Winter in Spitzbergen war erstaunlich mild.

Düsseldorf. "Tina, willst du mich heiraten?" Holger Lischke aus Leipzig hat sich einen ganz besonderen Ort für seinen Heiratsantrag ausgesucht: 2000 Meter über dem Nordpol. Bei 90 Grad Nord führt jede Richtung nur noch gen Süden.

Innerhalb weniger Minuten werden alle Zeitzonen durchflogen, die Datumsgrenze gleich zwei Mal, kurz in die Zukunft gereist und dem Sonntag ein Besuch abgestattet. Zugleich wird die Erdkugel schnell zweimal umrundet.

"Holger hat mich überrascht und gesagt: Wir machen einen Ausflug", erzählt Tina Näther. Als sie dann am Flughafen-Schalter in Düsseldorf "Nordpol" liest, denkt die junge Frau zunächst, es handle sich um einen Witz.

Dass dem nicht so ist, erfährt sie an Bord des Sonderflugs AB 1111, als Sebastian Schmitz, Sprecher der Deutschen Polarflug die 270 Passagiere zum wohl längsten "innerdeutschen" Rundflug begrüßt.

Denn Start und Ziel ist die Landeshauptstadt, weshalb an Bord kein Tabak oder Spirituosen zollfrei verkauft werden durften. Es sollte auch keine Kaffeefahrt werden, bietet der Tagestrip doch faszinierende Aussichten auf vom Menschen unberührte und von Eis bedeckte, endlose Landschaften.

Von Düsseldorf ging es über Hamburg, Dänemarkt, entlang der norwegischen Küste zum nördlichsten Punkt Europas, dem Nordkap. Von dort flog der Airberlin-Airbus nach Spitzbergen und weiter zum Nordpol. Der Rückweg führte die Küste Grönlands entlang über Island vorbei an dem isländischen Vulkan Eyjafjallajökull, Schottland, Amsterdam nach Düsseldorf. In zwölf Stunden wurden rund 10.000 Kilometer zurückgelegt.

Umweltschutz Um den die Auswirkungen auf das Klima mit dem Polarflug so gering wie möglich zu halten, werden die Passagiere gebeten, für die Aufforstung des Regenwaldes zu spenden. Damit soll der Flug innerhalb von zwei Jahren kompensiert sein.

Damit die Passagiere auch den Ausblick genießen können, fliegt Kapitän Wilhelm Heinz den Airbus in Spitzbergen, am Polar und über Grönland von rund 10.000 Metern auf bis zu 2000 Meter hinunter.

"Dass das alles so schön ist, hätte ich nicht gedacht. Ich bin überwältigt und überrascht", schwärmt Ursel Doolan aus Wuppertal. Auch Rolf Luley aus Hilden ist begeistert. Er fliegt nicht zum ersten Mal mit. "Mich begeistern einfach die sensationellen Landschaften, wir hatten unglaubliches Glück mit dem Wetter."

So hatten die Passagieren auch einen sonst sehr seltenen Blick auf die norwegische Bäreninsel. "Eigentlich ist die Insel zwischen Nordkap und Spitzbergen immer mit Wolken verhangen", sagt Sprecher Schmitz.

Thomas Bujack berichtet: "Der Aufbruch von Düsseldorf zum Nordpol hat eine lange Tradition. Heinz Helfgen ist von der NRW-Landeshauptstadt nach Burma gereist und war auch am Nordpol."

Bujack interessierte sich schon immer für Geschichten von großen Abenteurern und Entdeckern. Der Kaarster betreibt den Internet-Auftritt Nordlandseite, der über die ersten Expeditionen zum Pol informiert.

"Es ist keine 100 Jahre her, dass Jan Nagurski den ersten motorisierten Nordpolflug in einem Doppeldecker wagte", berichtet Veranstalter Manuel Kliese. Die Polarflieger im Airbus 330 sind da wesentlich komfortabler unterwegs. "Die Zeit vergeht wie im Flug", sagt Astrid Else Goldberg aus Wülfrath.

Denn die Fluggäste haben viel zu sehen und sind in Bewegung: Plätze werden gewechselt, nach draußen geschaut und gestaunt. Eine Videokamera macht ständig Außenaufnahmen. Zudem halten Experten Vorträge. Alexander Soucek vom Erdbeobachtungsprogramm der Europäischen Weltraumbehörde ESA erläutert den Passagieren den Klimawandel.

"Das Polarmeer ist sehr sensibel. Die Eisschicht ist nur vier Meter dick. Wenn das Süßwasser taut, wirkt sich das gleich doppelt aus", erklärt er. Denn das Salzwassergehalt ändert sich und damit die Temperaturzirkulation in den Meeren. "Wenn der Golfstrom nicht mehr warmes Wasser nach Europa transportiert, wird es kalt in Europa. Winter mit bis zu Minus 30 Grad Celsius sind möglich".

Zum anderen reflektiert bisher die riesige Eisfläche am Polarmeer das Sonnenlicht zurück ins All, getautes Wasser kann die Energie nicht so stark zurückgeben. "Die Folge ist, dass sich das Wasser erwärmt und ausdehnt. Es steigt also der Meeresspiegel mit verheerenden Auswirkungen."

Satelliten der Esa filmen täglich den Planeten und sammeln Daten, um Veränderungen zu dokumentieren. "Das Eisvolumen, die Ausbreitung des Packeises, hat im Vergleich zu den Vorjahren abgenommen", sagt Soucek.

Das bestätigt auch Marcus Schumacher von der Deutschen Polar-Forschungsstation auf Spitzbergen, der per Satelliten-Telefon zugeschaltet ist. Auch dort wird der Klimawandel untersucht: "Der vergangene Winter war durchschnittlich 7,5 Grad Celsius wärmer als gewöhnlich. Es hat unglaublich viel geregnet. In den vergangenen 80 Jahren ist die Temperatur um 1,8 Grad durchschnittlich angestiegen, mehr als irgendwo auf der Erde."

Ist es dann nicht für das Klima schädlich zum Nordpol zu fliegen? "Jede Flugreise, jede Autofahrt, aber auch jede lange Dusche ist im Prinzip eine zu viel. Aber wir wollen auf dem Planeten Erde auch leben und ihn entdecken. So ein Flug findet ja nur einmal im Jahr statt", antwortet Experte Soucek.

Der Wissenschaftler fordert die Passagiere auf, in die Rolle von Botschaftern zu schlüpfen und von dem einmaligen Erlebnis zu berichten. "Zeigen Sie ihre Fotos, lassen Sie auch andere an dem Naturwunder, dem letzten stabilen und zugleich sensibelsten Ökosystem der Erde teilhaben."

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