Folker Heinecke wurde während des Zweiten Weltkriegs verschleppt und in einem Kinderheim „germanisiert“. Die brutale Entwurzelung quält ihn bis heute.

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In alten Akten hat Folker Heinecke entdeckt, dass er eigentlich Aleksander Litau heißt und aus der Ukraine stammt.

In alten Akten hat Folker Heinecke entdeckt, dass er eigentlich Aleksander Litau heißt und aus der Ukraine stammt.

dpa

In alten Akten hat Folker Heinecke entdeckt, dass er eigentlich Aleksander Litau heißt und aus der Ukraine stammt.

Bad Arolsen/Hamburg. Wer Folker Heinecke ist, weiß niemand ganz genau. Zwar kennen viele in Hamburg den früheren Schiffsmakler mit den gewellten Haaren und den beiden Lesebrillen, die er zuweilen sogar übereinander trägt. Es gibt auch eine Geburtsurkunde und eine hanseatische Vergangenheit. Und doch ist seine Herkunft auch ihm selbst schleierhaft: Folker Heinecke ist eines der sogenannten Lebensborn-Kinder. Von den Nazis verschleppt und in einem NS-Kinderheim "germanisiert", sucht der 68-Jährige seit Jahrzehnten nach seiner Identität - unter anderem beim Suchdienst des Roten Kreuzes in Bad Arolsen.

Zwei Erinnerungen an seine Kindheit hat Heinecke noch. "Bei der einen weiß ich nicht, ob sie nur eine nachträgliche Projektion ist. Aber ich sehe mich dann immer bei meinen wahren Eltern um ein Haus tapsen." Die andere Erinnerung lässt sich klar in Hamburg einordnen: "Ich als kleiner Junge, und auf der Terrasse mit den Eltern steht ein Mann in Schwarz." Diese Eltern sind die Adoptiveltern. Der Mann in Schwarz ist Heinrich Himmler. "Ja, meine Eltern waren Nazis", sagt Heinecke heute, "aber sie haben mich geliebt, wie ich sie geliebt habe."

Lebensborn war eine SS-Organisation, die für mehr "arische" Kinder sorgen sollte - und in deren Namen unglaubliche Verbrechen verübt wurden: In besetzten Ländern wurden Kleinkinder verschleppt und nach einer "Germanisierung" regimetreuen Eltern übergeben.

Nachdem Folker Heinecke jahrelang geforscht hat, weiß er inzwischen, dass er 1940 auf der Krim (heute Ukraine) geboren wurde. Und auch, dass er eigentlich Aleksander Litau heißt. "Als ich ein Jahr und zehn Monate alt war, müssen mich SS-Männer gesehen haben, blond und blauäugig." In Lodz wurde überprüft, ob der kleine Junge es wirklich "wert war", "germanisiert" zu werden. Es folgte das Lebensborn-Heim Sonnenwiese in der Nähe von Leipzig - und nach der einjährigen Umerziehung die Adoption: Aus Aleksander von der Krim wurde Folker aus Oberschlesien.

"Ich mag über meine Eltern nichts Schlechtes sagen", sagt Heinecke. Auf dem großen Grundstück konnte der Kleine nach Herzenslust spielen, später garantierte der Hamburger Reeder seinem Adoptivsohn eine gute Ausbildung. Nur Wurzeln haben sie ihm nicht hinterlassen.

Lebensborn war ein von der SS getragener Verein mit dem Ziel, die Geburtenrate "arischer" Kinder zu erhöhen. Dazu sollten Männer auch mit mehreren Frauen Kinder zeugen dürfen.

Nach dem Massaker im böhmischen Lidice wurden zum Beispiel von den 98 Kindern, deren Eltern man gerade ermordet hatte, zwölf für Lebensborn ausgesondert. Die anderen wurden getötet.

"Irgendetwas stimmte nicht bei mir. Das habe ich immer gewusst", sagt er. Von einem Nachbarsjungen erfuhr er von der Adoption, als er sieben war. Doch erst als Erwachsener begann er, nach seinen Wurzeln zu suchen. Seine Reise führte ihn in das alte Lebensborn-Heim. "Da haben die Wände zu mir gesprochen." Die Auffahrt, der Speisesaal - alles lief vor seinen Augen wieder wie ein alter Film ab.

In seinem Geburtsort war Heinecke auch schon. Doch die Spuren sind dünn. Und so holt ihn die geraubte Vergangenheit immer wieder ein: "Wenn ich einmal am Grab meiner Mutter stehen könnte. Nur einmal."

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