Viele der 500 Feldbetten in der Dortmunder Notunterkunft blieben in der ersten Nacht leer. Nach der plötzlichen Räumung des Riesen-Hochhauses sind viele Bewohner tief verunsichert.

Räumung von Hochhauskomplex wegen Brandgefahr
Ein Dortmunder Feuerwehrmann am Freitag vor dem Hannibal-Hochhauskomplex.

Ein Dortmunder Feuerwehrmann am Freitag vor dem Hannibal-Hochhauskomplex.

Guido Kirchner

Ein Dortmunder Feuerwehrmann am Freitag vor dem Hannibal-Hochhauskomplex.

Dortmund. An Schlaf war nicht zu denken: «Es war nicht laut in der Nacht. Das war nicht das Problem», sagt die Mieterin mit den langen blonden Haaren. Am Tisch neben ihr sitzt ihr 14 Jahre alter Sohn und langweilt sich. Im Kinderwagen liegt ihr einjähriges Kind. Sie selbst habe kein Auge zugetan, sagt die 39-jährige Mutter - die ganze Situation wühle sie so sehr auf.

«Die ganze Situation» - damit meint die Mieterin des Dortmunder Hochhauskomplexes Hannibal im Stadtteil Dorstfeld die ungewisse Lage am Tag nach der Räumung. Mit ihrer Familie sitzt sie jetzt in der Notunterkunft, nachdem die Experten der Feuerwehr die Reißleine gezogen hatten. Der Brandschutz in dem 800-Menschen-Haus sei nicht mehr gewährleistet. Der Rauch eines Feuers in der Tiefgarage würde nach oben in den Wohnbereich ziehen.

500 Übernachtungsmöglichkeiten in der Notunterkunft

Die Stadt Dortmund hat zusammen mit dem Roten Kreuz und dem Technischen Hilfswerk eine Leichtathletik-Halle hergerichtet. Hier, in Nachbarschaft zu Deutschlands größtem Fußballstadion und dem Messezentrum Westfalenhallen, trainieren ansonsten Dortmunder Schüler und Leichtathleten. In der Halle tragen im Februar 2018 zum achten Mal die Leichtathleten ihre Deutschen Hallenmeisterschaften aus. Am Morgen nach der Räumung warten die Helfer an Tischen auf der Laufbahn und geben Frühstück aus.

Von den 500 möglichen Übernachtungsplätzen blieben viele leer. «Am Abend hatten sich bei einer ersten Infoveranstaltung rund 130 Menschen registriert. Einige von ihnen haben aber wohl anschließend die Halle wieder verlassen», sagt Stadtsprecherin Katrin Pinetzki. Ein Großteil der knapp 800 Mieter kam in der Nacht bei Freunden und Bekannten unter. Gegen 9.00 Uhr sitzen nur wenige der Hannibal-Mieter an den Tischen. Die ersten Kinder erobern die noch freien Flächen der großen Sporthalle. Ihre Eltern warten auf Vertreter des Sozialamtes, die über den weiteren Fortgang informieren wollen. In der Mitte stehen durch Sichtschutz-Wände verdeckt die Feldbetten. Ein Schild mit der Aufschrift «Wickeln und Stillen» weist auf einen Raum unter der Tribüne hin. Orte für ganz private Momente sind in der Helmut-Körnig-Halle rar gesät.

«Wir sind gestern erst gegen 18 Uhr nach Hause gekommen und sind von der Räumung völlig überrascht worden», erzählt die 39-jährige Mutter. Schnell habe sie für sich und ihre Familie das Nötigste zusammengesucht. Um 21 Uhr saß die vierköpfige Familie im Evakuierungsbus der Dortmunder Stadtwerke. Ihr Sohn geht eigentlich auf ein Gymnasium in der Dortmunder Innenstadt - heute fällt für ihn der Unterricht aus. «Zurück in den Hannibal wollen wir eigentlich nicht», erzählt die Frau. Da sei zuletzt immer wieder etwas kaputt gegangen, ohne dass der Besitzer sich gekümmert habe. «Da kam nie eine Reaktion, auch wenn wir uns schriftlich beschwert haben. Zuletzt gab es einen Wasserrohrbruch.» Mit ihrer Familie wohnte sie im sechsten von 18 Stockwerken. Über Monate sei der Aufzug in dem Gebäude ausgefallen - unhaltbare Zustände für ältere Mieter und Familien mit kleinen Kindern.

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