Mitt Romney will Präsident der USA werden. Er ist Mormone. Zu Besuch in deren Zentrale: Salt Lake City im Bundesstaat Utah.

Mormonen
Familie White wohnt in einem Vorort von Salt Lake City. Mindy und Nate sind Mormonen und erzählen eifrig von ihrem Glauben.

Familie White wohnt in einem Vorort von Salt Lake City. Mindy und Nate sind Mormonen und erzählen eifrig von ihrem Glauben.

dpa

Familie White wohnt in einem Vorort von Salt Lake City. Mindy und Nate sind Mormonen und erzählen eifrig von ihrem Glauben.

Düsseldorf. Gastfreundschaft wird bei Familie White in einem Vorort von Salt Lake City groß geschrieben. Doch Bier und Wein kommen bei Mindy (31) und Nate (27) nicht auf den Tisch. Auch Kaffee ist tabu. Die beiden halten sich strikt an die Gebote ihrer Kirche.

Die Liste der Auflagen für einen gläubigen Mormonen ist lang. Keine Suchtmittel. Kein Sex vor der Ehe. Jeden Sonntag zum Gottesdienst, mindestens zehn Prozent des Einkommens an die Kirche abführen, und viele Stunden Gemeindedienst leisten.

Über dem Sofa der Whites hängt ein Jesus-Bild, außerdem das „Word of Wisdom“ (Wort der Weisheit), eine Empfehlung zur Lebensführung. Die fünfjährige Hallie tobt in T-Shirt und Shorts durch das kleine Haus, Mindy kocht, Nate kümmert sich um Olivia, die gerade Laufen lernt. Eine ganz normale Familie, die eifrig und offen über ihre Religion spricht.

„Unser Glaube macht uns glücklich, dafür nehmen wir diese Opfer gerne in Kauf, auch wenn andere das vielleicht nicht verstehen“, beteuert Mindy White, eine studierte Pädagogin. Mit Olivias Geburt hängte sie ihre Karriere an den Nagel. „Das ist meine gottgegebene Rolle als Frau und Mutter, so altmodisch sich das anhören mag.“

Was im Tempel vor sich geht, ist Mormonen vorbehalten

Nur Mormonen, die sich an die Auflagen halten, dürfen die weltweit etwa 130 Tempelbauten betreten. Allen anderen ist der Zugang strikt untersagt.

Entstehung: Die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ (HLT) ist der wichtigste Zweig einer Familie von Religionsgemeinschaften, die auf den Amerikaner Joseph Smith (1805-1844) zurückgehen. Smith will auf geheimnisvollen Wegen in den Besitz von Texten gelangt sein, die er 1830 erstmals als „Das Buch Mormon. Ein weiterer Zeuge für Jesus Christus“ (The book of Mormon – Another Testament of Jesus Christ) herausgegeben hat.

 

Mittelpunkt: Die große Mehrheit der weltweit mehr als zehn Millionen HLT-Mitglieder lebt in den USA. Das Zentrum der Gemeinschaft ist seit 1847 Salt Lake City/Utah.

 

Gesellschaft: Mitglieder der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ haben in den USA einflussreiche Berufe und arbeiten in Politik und Wirtschaft. Allerdings gerät die Gemeinschaft auch immer wieder unter öffentlichen Druck, zum Beispiel wegen ihrer Haltung zur Homosexualität.

 

Lehre: Kern des Glaubens ist die Vorstellung, dass der Mensch die Möglichkeit zu einer gewaltigen Entwicklung verliehen bekommen hat und selbst wie Gott werden kann, nachdem er sein Erdendasein durchlaufen hat. Die Lehre ist, trotz vielfältiger Bezugnahmen auf Jesus Christus, mit biblisch-christlicher Theologie nicht vereinbar, betont die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin. Aus Sicht der ökumenischen Kirchen sei die HLT keine christliche Kirche, auch keine Sekte, die sich von einer traditionellen Kirche abgespalten hat, sondern eine synkretistische Neureligion.

Wie eine Trutzburg ragt das Granitgebäude auf dem Temple Square von Salt Lake City in den Himmel. Der Prophet Brigham Young, Nachfolger des Glaubensbegründers Joseph Smith, führte seine Anhänger in den Westen der USA. Bei der Ankunft in Utah 1847 hatte er eine „göttliche Eingebung“, an dieser Stelle den Tempel für den Mormonen-Sitz zu errichten. Das erfährt man von freundlichen Jung-Missionaren, die stets paarweise unterwegs sind. Die Frauen in züchtigen Röcken, die weit über die Knie reichen, die Männer mit Anzug und Krawatte, das Haar kurz geschnitten.

Dass mit dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney erstmals ein Mormone ins Weiße Haus einziehen könnte, hat die Kirche ins Rampenlicht gerückt. Aus aller Welt kommen Interview-Anfragen, erzählt Pressechef Michel Otterson, der im Verwaltungs-Wolkenkratzer der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ sein Büro hat. Und er betont: „Wir sind politisch neutral.“ Die Gemeinschaft würde ihren Mitgliedern keinen Kandidaten ans Herz legen.

Nordeuropa ist ein schwieriges Missionsgebiet

Mit acht Kindern und 22 Enkeln ist Otterson ein vorbildlicher Mormone. Eine Weltkarte ziert sein Büro: „Wir wachsen sehr stark in Afrika und auf den Philippinen, auch in Mexiko und Brasilien.“ Nur Nordeuropa sei ein „sehr schwieriges Gebiet“. 55 000 Missionare sind im Auftrag der bekehrenden Kirche unterwegs. Weltweit ist die Zahl der Mormonen auf knapp 15 Millionen Gläubige angewachsen, in Utah machen sie mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus.

Natürlich würden sie als Christen an Jesus und die Bibel glauben, bekräftigt Otterson, bevor er „auffällige“ Unterschiede erläutert. Sie folgten dem Propheten Joseph Smith, der „Das Buch Mormon“ veröffentlichte. Die Einhaltung der „Gesundheitsvorgaben“ – kein Kaffee, Alkohol oder Nikotin – sei eine der wichtigen Regeln.

Doch es gibt auch harsche Kritik. Mandy Peace (30) aus dem Nachbarstaat Idaho zum Beispiel meidet die Tempel-Meile. Mit ihren bunt tätowierten Armen würde sie dort nicht hinpassen, grinst die Lesbe. Sie sitzt in einem Coffee-Shop am Rand von Salt Lake City. „Wenn Romney gewählt wird, wandere ich nach Kanada aus“, sagt Peace. „Ich mache mir Sorgen, dass er unsere Freiheiten noch mehr beschneidet.“ Die Ablehnung der Homosexualität ist in der Lehre der Mormonen verankert.

Was im Tempel passiert, behalten die Anhänger weitgehend für sich. Nur „Tempelwürdige“ dürfen dort bei Hochzeiten und Taufen dabei sein. In einem Wasserbecken finden die umstrittenen Totentaufen statt, bei denen Lebende stellvertretend für Verstorbene getauft werden.

Splittergruppen kennen bis heute die Vielehe

Für Doris Hanson ist dies eine von vielen „unchristlichen Praktiken“. Hanson wuchs in einer fundamentalistischen Splittergruppe der Mormonen auf, die bis heute die Vielehe kennt. 1890 schaffte die Mutterkirche die von den Gründern praktizierte Polygamie ab. Inzwischen hilft Hanson Menschen, die sich heimlich von den polygamen Gruppen absetzen.

Die 66-Jährige ist überzeugt: „Wenn die Mormonen ihre Religion ehrlich erklären würden, könnte Romney die Wahl nie gewinnen. Sie glauben einfach an zu viele seltsame Dinge.“

Leserkommentare (3)


() Registrierte Nutzer