Sie hassen und sie lieben sich – die Londoner und ihre „Tube“. Am Donnerstag vor 150 Jahren fuhr ab Paddington die erste U-Bahn der Welt.

England
„Mind the Gap!“: Vorsicht, Lücke – so werden Reisende vor Betreten der Londoner „Tube“ gewarnt.

„Mind the Gap!“: Vorsicht, Lücke – so werden Reisende vor Betreten der Londoner „Tube“ gewarnt.

Andy Rain

„Mind the Gap!“: Vorsicht, Lücke – so werden Reisende vor Betreten der Londoner „Tube“ gewarnt.

London. „Mind the gap!“ – Man möge bitteschön die Lücke zwischen Zug und Bahnsteigkante beachten. An den 270 Stationen der Londoner U-Bahn gibt es diesen Satz jeden Tag zehntausende Male zu hören.

Für viele der Millionen Touristen, die sich die „Tube“ als Anti-Attraktion antun, ist das ein Stückchen britische Folklore. In Wahrheit passieren jedes Jahr um die 80 Unfälle, bei denen Passagiere mit dem Fuß in die Lücke geraten – und meist schwer verletzt werden.

Der ratternden „Tube“ merkt man ihr Alter an allen Ecken und Kanten an

London Underground ist längst nicht mehr auf der Höhe der Zeit – der ratternden, stöhnenden, häufig verspäteten „Tube“ merkt man ihr hohes Alter an. Die Auf- und Abgänge sind viel zu eng, die Bahnsteige zu schmal. Wenige Stationen sind mit Sicherheitstüren ausgerüstet, um den Sturz auf die Bahngleise zu verhindern.

Bis 2006 gab es noch Rolltreppen aus Holz. Die Regierung hat bis 2036 die Summe von 16 Milliarden Pfund (umgerechnet 19,6 Milliarden Euro) zur Verfügung gestellt, um die „Tube“ – benannt nach der runden „Röhren“-Form ihrer Schächte und Züge – auf Vordermann zu bringen. Sechs Milliarden sind bereits verbaut.

An solche Dimensionen war vor 150 Jahren nicht zu denken. Noch kurz vor der Eröffnung urteilte die Zeitung „The Times“, die Idee sei „eine Beleidigung des gesunden Menschenverstandes“. Schnell siegte die Praktikabilität: Im ersten Jahr nutzten 11,8 Millionen Passagiere die „Metropolitan Line“, die Pionierlinie im Londoner Untergrund. London selbst hatte damals gerade mal 3,2 Millionen Einwohner.

Im Weltkrieg retteten die Tunnel Zigtausende Menschenleben. Die Bevölkerung nutzte die U-Bahn als Bunker und versteckte sich dort vor deutschen Bomben. Die Schächte waren auch Verstecke für Kunstschätze.

Doch die Tunnel bergen auch Gefahren. 1987 kamen bei einem Feuer bei King’s Cross 31 Menschen ums Leben.

Heute ist Londons U-Bahn-Netz nach Shanghai das zweitlängste der Welt und wächst weiter. Bis 2018 wird eine neue Ost-West-Verbindung gebaut.

In den ersten Jahrzehnten war die mehr oder weniger geordnete Linienführung, die heute jeder Tourist auf der „Tube-Map“ bewundert, noch weit entfernt. Nach der „Metropolitan Line“ eröffneten Schritt für Schritt weitere private Betreiber einzelne Linien. Dabei entstand Chaos, das unter anderem dazu führte, dass es heute 40 ungenutzte Stationen gibt. Erst später wurden Verbindungen gebaut, eine gemeinsame Vermarktung als „London Underground“ begann 1908.

Der Premierminister schwänzte die Eröffnung – er wollte oben bleiben

Beim feierlichen Bankett zur Eröffnung der ersten Linie am 10. Januar 1863 fehlte übrigens der damalige britische Premierminister Lord Palmerston. Er war fast 80 Jahre alt, und ließ verlauten, er wolle noch so viel Zeit über der Erde verbringen, wie er nur könne.

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