Ärzte und viele andere Helfer lindern das Leid der jüngsten Opfer – ehrenamtlich.

Nach der Landung in Düsseldorf nehmen fast 30 Rettungswagen die kleinen Passagiere auf und bringen sie in Kliniken.
Nach der Landung in Düsseldorf nehmen fast 30 Rettungswagen die kleinen Passagiere auf und bringen sie in Kliniken.

Nach der Landung in Düsseldorf nehmen fast 30 Rettungswagen die kleinen Passagiere auf und bringen sie in Kliniken.

Nach der Landung in Düsseldorf nehmen fast 30 Rettungswagen die kleinen Passagiere auf und bringen sie in Kliniken.

Solingen. Cerstin Rauhaus ist kaum älter als die Opfer. Und die 20-jährige DRK-Helferin hat einen Traum: "Gäbe es keine Soldaten und keine Taliban in Afghanistan, wäre doch Frieden, oder?", denkt sie, als der Rettungstransportwagen des Solinger DRK auf die Hildener St.Josefs-Klinik zurollt. 42 Helfer haben die Solinger aufgeboten. Mit dabei: Kollegen aus Leichlingen, Remscheid, Haan. Eine bergische Allianz gegen den Krieg und für die Kriegskinder.

"Eine Rundmail reichte, dann konnten wir uns vor DRK-Helfern und Freunden der freiwilligen Feuerwehr kaum retten", beschreibt Kreisbereitschaftsleiter Stefan Nippes sein schönstes Geburtstagsgeschenk. Nippes ist an diesem Tag 42 Jahre alt geworden. Das Solinger DRK fährt seit zwei Jahren Kriegsopfer für die Oberhausener Hilfsorganisation. Wer das einmal macht, sagen alle, der will das immer wieder tun.

So warten sie an diesem kalten Nachmittag vor Tor 47 geduldig am Düsseldorfer Flughafen. Die Sondermaschine hat Verspätung - im Kabul dieser Tage haben Militärmaschinen Vorrang. Dann kommt sie. Schneeweiß das Flugzeug, tiefrot der Himmel: Als wolle sie so auf eine Ansichtskarte, schwebt die Boeing 737 der tadschikischen Somon Air beim letzten Tageslicht in Düsseldorf ein. An Bord sind 140 Kinder - Tadschiken, Armenier, Georgier und fast 100 kleine Afghanen.

Das Stoffschaf im Arm - Abdullah muss ganz schnell in die Klinik

Der Krieg in Afghanistan kennt keinen Karneval. Und dass das Friedensdorf diesen Termin für seinen 58. Afghanistan-Einsatz gewählt hat, liegt nicht nur an der katastrophalen Lage in Kabul. "Diesmal sind viele verletzte Kinder aus den umkämpften Provinzen an Bord", sagt Helge Schreiber. Der Friedensdorf-Helfer ist froh, genügend Krankenhausbetten gefunden zu haben. Rund 100Kliniken im Bundesgebiet helfen diesmal - deren Ärzte operieren kostenlos. Noch am Morgen haben drei weitere Kliniken Betten zugesagt.

24 Stunden Bereitschaft liegen hinter Patrick Follmann. Doch der Notarzt im Klinikum Solingen verschiebt wegen des kleinen Abdullah den Schlaf aufs Wochenende. Die Verletzung im Unterleib des Babys ist kompliziert, lange war nicht klar, ob der Zweijährige mit nach Deutschland kann. Jetzt legt Medizinstudent Jens Reifenrath (28) dem weinenden Kind ein Stoffschaf in den Arm, und Fahrer Holger Migdalek, im Hauptberuf Personalchef der Solinger Sparkasse, schaltet das Blaulicht ein. Abdullah muss mit Sonderrechten ins Krankenhaus nach Hamm.

Das Friedensdorf International wurde 1967 gegründet und leistete erste wichtige Kinderhilfe im Vietnamkrieg. Heute werden Schwerpunkte wie Afghanistan, Zentralasien und Angola angeflogen, um von dort Kinder zur medizinischen Behandlung nach Deutschland zu holen. Hier werden die Kinder in Kliniken kostenlos und ehrenamtlich operiert. Im Oberhausener Friedensdorf, das den Charakter eines Kinderheimes hat, warten dann bis zu 150 Kinder auf ihre Rückkehr in ihr Land. Bis zu 1000 Kindern jährlich wird so geholfen.

Vor Ort Doch auch andere Projekte finanziert die Hilfsorganisation, die sich ausnahmslos durch Spenden finanziert. So wurden in Vietnam und werden aktuell in Kambodscha Kleinkrankenhäuser aufgebaut, die die unzureichende medizinische Versorgung der armen Landbevölkerung verbessern helfen. Damit Kleinoperationen im Heimatland stattfinden können, finanzieren die Oberhausener Lehrgänge für Mediziner in Zentralasien oder bauen Tuberkulosestationen oder Kindernotaufnahmen.

Mit dem Abschalten der Triebwerke ist auch für Kevin Dahlbruch (28) und Maria Tinnefeld (29) ein harter Zwei-Wochen-Job zu Ende. Nicht einmal 30 Jahre alt, gelten beide Friedensdorf-Helfer als routiniertes Team mit langer Auslandserfahrung. Doch Dahlbruch wird sich später an die jüngsten Attentate in Kabul erinnern: Die Menschen hätten einen Wohnblock daneben einfach weiter gearbeitet. Krieg ist Alltag in Kabul.

Fast 30 Rettungswagen säumen das Rollfeld. Als Abdullah schon lange auf der A3 sein kleines Schaf umklammert, schwirren sie aus nach Bayern, an die Nordsee, nach Berlin. Die Retter sind unterwegs. Allein die Wagen aus dem Bergischen Land werden in dieser Nacht 6500 Kilometer rollen. Als Mir Achmad (9) kurz aufwacht, sieht er einen blonden Engel. Kerstin Rauhaus kontrolliert die Gurte der Trage und lächelt den kleinen Jungen aus Kabul an. Im Hildener Krankenhaus studiert Dr. Hans Beier-Helms die Diagnose "Knochenmarkentzündung" und erinnert sich an seinen Neffen. Bei dessen Einschulungsmesse hätten sie gesungen: "Gott hat alle Kinder lieb". So ganz, sagt der Chirurg und Familienvater, könne er das nicht mehr glauben.

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