Parasiten: Nach den Ferien kommt die Zeit der Plagegeister. Die Blutsauger sind widerstandsfähiger geworden.

Düsseldorf. "Wir haben Läuse" - drei Worte nur, geschrieben auf ein Schild an einer Kindergartentür oder einem Schultor, und schon bricht in vielen Familien die Parasitenpanik aus. Das Internet wird bemüht, bereits leidgeprüfte Eltern werden konsultiert, ein Nissenkamm gekauft und die Apotheker nach den besten Mitteln befragt. Und weil es einen allein schon beim Gedanken an die Blut saugende Brut vor Ekel schüttelt, werden auch gleich die Betten neu bezogen, die Kleider gewaschen und die Polstermöbel gesäubert.

Auch wenn es keine belastbaren Daten gibt: Die Kopflaus, so scheint es, ist seit einigen Jahren auf dem Vormarsch. Von 2001 bis 2007 verzeichneten die Pharmahersteller ein Plus von 52 Prozent beim Verkauf von Kopflausmitteln. Zwar waren die Zahlen 2008 leicht rückläufig - aber Entwarnung gibt es nicht. "Erfahrungsgemäß beginnen zwei bis drei Wochen nach den Ferien die starken Läusewochen", sagt Firmen-Sprecherin Eva Gertz.

In den Städten herrscht größere Läusegefahr als auf dem Land

Der "Läuseatlas" des Bielefelder Arzneimittelherstellers Dr. Wolff, der die Verkaufszahlen auch der Konkurrenten berücksichtigt, warnt für dieses Jahr vor einer Läusewahrscheinlichkeit von 90Prozent etwa in der Krefelder Stadtmitte oder in Neuss. In Ratingen liegt das Risiko bei 50Prozent. Je weiter es aufs Land hinaus geht, desto stärker sinkt die Lausgefahr - in Burscheid und Hückeswagen etwa liegt sie unter 20Prozent.

War die Läusegefahr 2008 in weiten Teilen von Wuppertal hoch, ist der Risikofaktor in einigen Stadtbezirken um mehr als 20Prozent gefallen. In anderen Gebieten ist das Risiko gegenüber dem vergangenen Jahr sogar gestiegen: so ist in Mönchengladbach-Rheydt in diesem Jahr jedes zweite Kind gefährdet (2008: nur jedes dritte).

Aber verbreitet sich die Kopflaus wirklich stärker als früher? "Den subjektiven Eindruck gibt es, das haben wir auch bei Lehrerbefragungen erfahren", sagt Regina Fölster-Holst, Dermatologin am Uniklinikum Kiel. Und daher prüften die Kieler Forscher zunächst einmal, wie oft die Laus überhaupt vorkommt: Sie nahmen im vorigen Herbst die Köpfe von 2000 Kieler Kindern im Alter zwischen 3 und 19 Jahren unter die Lupe - und fanden Kopfläuse bei 3,7 Prozent. "Das ist wirklich viel", sagt Fölster-Holst.

Wie stark die Verbreitung der Kopflaus wirklich ist, weiß niemand genau, weil es keine "Meldepflicht" gibt, sondern lediglich eine "Mitteilungspflicht" von Eltern an Schule oder Kindergarten und von dort wiederum an das Gesundheitsamt. Wenn Eltern dieser Pflicht, vielleicht aus Scham, nicht nachkommen, droht ihnen keine Strafe.

Die Haare müssen mit einem Spezial-Shampoo nach Vorgabe der Packungsbeilage gewaschen werden. Entsprechende Präparate gibt es in der Apotheke - insektizidhaltig oder auch giftfrei. "Das Waschen mit dem Präparat sollte im Abstand von jeweils acht Tagen wiederholt werden", weiß Siegfried Hauswirth, Leiter des Fachbereiches Infektionsschutz und Umweltmedizin im Kreisgesundheitsamt Neuss. Familienmitglieder sollten ebenfalls zur Vorsicht die Haare mit dem Spezial-Shampoo waschen. Von Hausmitteln wie Teebaumöl oder Essig rät der Fachmann ab. "Sie sind meist wirkungslos."

Bei den Sieben- bis Neunjährigen wurden die Wissenschaftler mit 7,7 Prozent der Fälle am häufigsten fündig. "Vermutlich, weil die Kinder in dem Alter Geheimnisse haben und die Köpfe zusammenstecken", sagt Fölster-Holst. Denn nur so breiten sich die Läuse aus: Springen oder fliegen können die flügellosen Gliederfüßer nicht, sehr wohl aber mit ihren sechs Beinchen flott von einem Wirt zum anderen wandern.

Die Forscher gingen auch den Thesen nach, was für den "gefühlten" Lauszuwachs verantwortlich sein könnte. Die Immigration aus Osteuropa? "Nein", sagt Fölster-Holst entschieden. Es sei kein signifikanter Unterschied zwischen deutschen Kindern und jenen mit Migrationshintergrund zu erkennen gewesen.

Untersuchung: Nervengift macht den Läusen nichts mehr aus

Bei der Überprüfung einer anderen These stieß das Team jedoch auf eine Überraschung: Bei 67Läusen isolierten die Wissenschaftler das Erbgut - und alle 67Blutsauger wiesen eine Mutation auf, dank derer sie unempfindlich waren gegen Medikamente, die mit Nervengift arbeiten, also die gängigen Präparate - im Gegensatz zu Mitteln mit Silikonöl, die die Läuse schlichtweg ersticken. Fölster-Holst will daraus bei der geplanten Vorstellung der Studie im Oktober jedoch noch keine Allgemeingültigkeit ableiten. "Hier geht es erst einmal nur um 67 Kieler Läuse - wer weiß schon, wie es in Süddeutschland aussieht?" Weitere Untersuchungen sollen folgen.

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