Zwei gefährliche Gangster entkommen aus dem Aachener Gefängnis. Die Polizei hetzt den beiden Männern hinterher.

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Peter Paul Michalski hat sein Erwachsenen-Leben fast überwiegend im Knast verbracht.

Peter Paul Michalski hat sein Erwachsenen-Leben fast überwiegend im Knast verbracht.

Der 50-Jährige Michael Heckhoff wird als einer der gefährlichsten Geiselgangster in Deutschland eingestuft.

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Peter Paul Michalski hat sein Erwachsenen-Leben fast überwiegend im Knast verbracht.

Donnerstag, vor 20 Uhr: Die beiden Schwerverbrecher Michael Heckhoff (50) und Peter Paul Michalski (46) sind im Zellentrakt im ersten Stock von "Haus 4" der JVA Aachen unterwegs. 20 Gefangene sind hier inhaftiert, müssen aber erst um 21.30 Uhr zurück in ihre Zellen.

Irgendwann setzen sich Heckhoff und Michalski von ihren Mitgefangenen ab. Über das Treppenhaus gelangen sie ins Erdgeschoss, von dort ins "Haus B" und von dort in den Innenhof des Gefängnisses. Dabei müssen sie insgesamt fünf Sicherheitstüren passieren, die sie mit einem Schlüssel öffnen und wieder verschließen.

Donnerstag, 20 Uhr: Ein Gefängniswärter kommt von einer Kontrollfahrt an der äußeren Gefängnismauer zurück. Er stellt den Wagen ab und betritt zu Fuß die nach innen geöffnete Sicherheitsschleuse, als er zwei Schatten wahrnimmt. Schon wird er von hinten überwältigt, mit Handschellen gefesselt und geknebelt. Anschließend stülpen ihm zwei Männer einen Sack über den Kopf.

Dann wird von der Gefängnispförtnerei aus die Sicherheitsschleuse so betätigt, dass die beiden Ausbrecher ins Freie gelangen können. Vom Innern der Schleuse ist dies technisch nicht möglich. Dann bewaffnen sich die Männer mit Pistolen und Munition aus dem Waffentresor der Gefängnispforte. Dort hinein konnten sie ebenfalls nur mit Hilfe aus der Pförtnerei gelangen. Dann spielt ihnen der Zufall in die Hände: Es hält ein Taxi, das einen Freigänger zurückbringt. Die Männer steigen in das Auto und fahren nach Kerpen-Buir.

Donnerstag, 20.20 Uhr: Zwei Vollzugsbeamte sind verwundert, dass ihnen niemand die Schleuse öffnet. In der Pforte sitzt ein völlig apathisch erscheinender Kollege. Die Beamten schlagen Alarm. Der Wärter wird zunächst in ein Krankenhaus gebracht.

Der 50-Jährige wird als einer der gefährlichsten Geiselgangster in Deutschland eingestuft. Wegen Geiselnahme einer Polizistin und zweier Banküberfälle war er Anfang der 90er Jahre zu 15 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden.

1992 nahm Heckhoff mit einem Mithäftling bei einem Zahnarzttermin in der JVA Werl drei Bedienstete und drei Arzthelferinnen als Geisel, forderte eine Million Mark Lösegeld, ein Fluchtauto und freies Geleit. Als er den Fluchtwagen inspizieren wollte, traf ihn ein Schuss und verletzte ihn schwer. Beim Zugriff der Polizei übergoss Heckhoffs Kumpan zwei der Geiseln mit einer brennbaren Flüssigkeit und zündete sie an. Die Frauen erlitten schwere Verbrennungen. Für die Tat erhielt Heckhoff Ende 1993 lebenslang.

In seiner Einzelzelle in der JVA Bochum wurden 1995 eine Gaspistole und eine Handgranaten-Attrappe gefunden. Danach wurde er in eine speziell überwachte Zelle in Wuppertal gebracht. Später landete er in der JVA Aachen.

Der heute 46-Jährige ist schon als Jugendlicher mit dem Gesetz in Konflikt geraten, hat sein Erwachsenen-Leben fast überwiegend im Knast verbracht. 1988 verurteilten ihn die Richter zu sieben Jahren und sechs Monaten Haft, unter anderem wegen schweren Raubes. 1993 erschoss Michalski im Hafturlaub einen Mittäter - und erhielt dafür eine lebenslange Haftstrafe.

Das Bielefelder Landgericht stellte im März 1995 die besondere Schwere der Schuld fest. Damit war eine Überprüfung der Haftstrafe nach 15 Jahren für den gebürtigen Herforder blockiert. Anfang 2006 war er von der JVA Wuppertal nach Aachen verlegt worden.

Die in den 80er Jahren errichtete Justizvollzugsanstalt Aachen ist ein reines Männergefängnis. Wegen der besonders hohen Sicherheitsstandards sind dort rund 800 Schwer- und Schwerstkriminelle untergebracht. Dies ist die erste Flucht aus der als ausbruchsicher geltenden JVA, sagt Gefängnis-Leiterin Reina Blikslager.

Donnerstag, 20.25 Uhr: Die Polizei trifft am Gefängnis ein, doch da sind die Ausbrecher schon verschwunden.

Donnerstag, 21 Uhr: Der Aachener Taxifahrer ahnt offenbar nicht, dass er zwei Ausbrecher chauffiert. Die beiden Fahrgäste verhalten sich unauffällig. Inzwischen läuft die Fahndung auf Hochtouren, auch mit Einsatz eines Hubschraubers. Die Bundespolizei verstärkt die Überwachung der Bahnhöfe und des Flughafens.

Donnerstag, 22 Uhr: Bozo Petrina nimmt den Gast, der sein Restaurant "Bei Bozo" in Kerpen-Buir betritt, kaum zur Kenntnis. Der Mann trinkt eine Cola und bittet Petrina, ein Taxi zu rufen. Der Gast trinkt aus - und verschwindet wieder. Erst da sieht Petrina, dass draußen noch zwei weitere Männer warten.

Donnerstag, 22.10 Uhr: Die Ausbrecher steigen in das bestellte Taxi ein und nehmen den ersten Taxifahrer mit. Warum der Mann offenbar freiwillig mitkommt, ist für die Polizei noch unklar.

Die Ausbrecher lassen sich nach Köln zum Bahnhofsplatz am Dom fahren, bezahlen die Fahrt sogar ordnungsgemäß. Ungeklärt ist, woher sie das Geld dafür hatten, denn Bargeldbesitz im Gefängnis ist verboten. Die Gangster lassen beide Taxifahrer unverletzt an der Domplatte zurück und verschwinden mit unbekanntem Ziel. Beide Taxifahrer stehen unter Schock.

Donnerstag, 23.10 Uhr: Sicherheitsexperten des NRW-Justizministeriums treffen in Aachen ein, um den Ausbruch zu untersuchen. In der Nacht riegelt die Kölner Polizei die City großräumig ab, setzt auch Hubschrauber ein. Die Kölner City wird zeitweise gesperrt - vergeblich. Die beiden Verbrecher sind schon weg.

Freitag, 13.30 Uhr: Ein Gefängniswärter wird festgenommen. Er wird verdächtigt, die Gefangenen befreit zu haben. Nach Informationen unserer Zeitung handelt es sich um jenen Justizbediensteten, der zum Zeitpunkt der Flucht in der Pförtnerei Dienst tat.

Freitag, 14 Uhr: NRW-Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU), Gefängnisleiterin Reina Blikslage und Aachens Polizeipräsident Klaus Oelze informieren über die Details des Ausbruchs. Oelze warnt vor der besonderen Gefährlichkeit der beiden Ausbrecher.

Freitag, 16 Uhr: Ein Zeuge will die beiden Ausbrecher vor einem Baumarkt im rheinland-pfälzischen Dierdorf gesehen haben. Die Polizei nimmt den Hinweis "sehr ernst", leitet erneut eine Großfahndung ein.

Freitag, 17.30 Uhr: Nach Abgleich der Ermittlungsergebnisse mit Informationen der Polizei Aachen wird klar, dass es sich nicht um die Straftäter handelt.

Freitag, 18 Uhr: Es wird bekannt, dass die beiden Ausbrecher in Köln eine Frau als Geisel genommen haben und mit ihr im Auto nach Essen fuhren. "Hier sind sie wegen Spritmangels stehen geblieben", sagte der Essener Polizeisprecher Peter Elke. Ihre Geisel ließen sie frei. "Die Frau sitzt bei uns im Präsidium und ist unverletzt", sagte Elke.

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